Wer bin ich?

 

Immer mal wieder werde ich gebeten, eine Autorenvorstellung zu schreiben - dann sitze ich vor dem PC, starre auf bisher formulierte Texte und denke, dass Abwechslung not tut. Schließlich will man nicht immer und immer dasselbe lesen. Oder?

 

Nun, jedenfalls habe ich da mal was Neues formuliert: 

 

Meine Phantasie ist schneller als mein Schreiben und der perfekte Nährboden für Geschichten. Dabei bin ich nicht wählerisch, nehme jede Idee, die an meine Tür klopft, und baue ihr ein Nest aus Worten, bis sie sich wohlfühlt. Dann lasse ich diese Worte sie hinaustragen in die Welt der Leser, auf dass sie viele neue Freunde finden mag, die sie einlassen in ihren Kopf, ihre Herzen und ihre Erinnerung. Dann ist das, was ich tue, der beste Job der Welt.

 

Schreiben ist Leidenschaft. That‘s it.



Die Bestie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Ideen nur darauf lauern, dein Hirn zu besetzen.

Begonnen hat es mit dem Versuch, ein Horror-Drabble zu schreiben: 100 Wörter samt Pointe für etwas Grusliges. Warum nicht auch eine Werwolf-Geschichte? Und das, obwohl ich gar keine Werwölfe mag.

Das Drabble war okay, aber diese Idee ... mir war klar, dass ich hier auf eine Geschichte gestoßen war, die mehr als 100 Wörter verdient hatte.

Also begann ich mit dem Schreiben. Die erste Fassung benötigte nur wenig mehr als drei Wochen, einem Wettbewerb geschuldet, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Meine Bestie wurde Dritte und für die nächste Zeit erst einmal in die virtuelle Schublade verbannt. Immer mal wieder schrieb ich daran, änderte hier etwas, fügte da etwas hinzu, baute sie um und fand immer noch etwas auszusetzen. 

Letztes Jahr hätte sie beinahe schon endgültig das Licht der Öffentlichkeit erblickt, aber ... nein, ich war immer noch nicht zufrieden. Eine Testleserin stimmte mir zu und wieder schob ich das Manuskript in die Schublade.

Haben Sie schon mal einen Werwolf daheim gehabt, der nicht hinaus durfte? Die Bestie heulte und jaulte und klagte und schrie - irgendwann gab ich nach, setzte mich wieder an dieses Manuskript, von dem ich zu dem Zeitpunkt nicht zu sagen vermochte, ob ich es liebte oder hasste, und schrieb. Schrieb. Und schrieb.

Seit gestern lauert die Bestie nun darauf, dass man sie einlässt in sein Heim, dass man sich dem Kampf mit ihr stellt, dass man sich einlässt auf eine Geschichte, die endlich ihr Ende gefunden hat.

 

Die Bestie - Bad Moon Rising


Das Versprechen

 

„Ich komme wieder.“

Gehauchte Worte im letzten Atemzug.

Ihr brennender Blick trifft meine Seele, bevor er bricht.

Ich muss sie berühren, muss sicher sein.

Es ist überstanden. Endlich.

 

Daheim begrüßt mich Alleinsein, liebkost mich Stille.

 

Gewitternacht.

Trommelfeuer gegen die Fenster.

Schattentanz im zuckenden Blitzlicht.

Donnergrollen trägt ihre Worte.

„Ich komme wieder.“

Sie sind ihr Versprechen an mich.

Niemals zuvor hat sie eines ihrer Versprechen gebrochen.

Sie wird es auch dieses Mal halten.

Obwohl ich sie getötet habe - nein, weil ich sie getötet habe, wird sie wiederkommen. Ich weiß es.

Und ich sitze hier im Dunkeln und lausche auf ihre Schritte ...

 


Caput Draconis - Tränen, Hauch und Herz des Drachen

 

Auslöser war die Frage einer befreundeten Malerin, ob wir nicht auch mal zusammen ein Kinderbuch machen wollten. Klar, sofort, aber … Bislang hatte ich Bücher geschrieben, für die meine Kinder zu jung waren, nun wollte ich keinesfalls ein Buch machen, für das sie zu alt wären. Ich benötigte also lediglich eine entsprechende Idee.     weiterlesen

 



 

Es ist gelungen: Mias Buch ist rechtzeitig zu ihrem Geburtstag erhältlich!

 

weiterlesen


Happy new year!!!

 

Mein neues Jahr beginnt mit einem wundervollen Kalenderblatt. Die Bilder von Heike Pohl (siehe Sehenswert) erzählen mir immer ganz eigene Geschichten und haben es sogar schon in eins meiner Buchprojekte geschafft. Deshalb hängt der Kalender bei mir auch so, dass ich ihn beinahe ständig anschauen kann. Schreibmotivation, ganz wichtig. :)

 

Es gibt tatsächlich auch gute Vorsätze für dieses Jahr: Täglich schreiben. Bei so vielen Projekten, die in meinem Kopf herumschwirren, hab’ ich sonst keine Chance, die endlich mal alle zu Papier zu bringen. Schließlich weiß man auch nie, wo und wann die nächste Geschichte lauert.

 

In diesem Sinne bin ich jetzt erst mal wieder schreibend.

Und euch allen wünsche ich das beste 2018 ever!



Nach dem Roman ist vor dem Roman ...

 

Momentan habe ich das Gefühl, ich kann gar nicht so viel schreiben, wie ich gerne möchte, denn aktuell harren drei Projekte gleichzeitig meiner:

 

Bad Moon - Das Erwachen der Bestie: Meinem Bauchgefühl und den Rückmeldungen meiner Testleser folgend, werfe ich das Konzept über den Haufen und fange quasi wieder bei null an. Und plötzlich heißt die Geschichte in meinen Kopf auch wieder "Die Bestie".

 

Riss in der Wirklichkeit: Ich sitze an der ersten Überarbeitung, damit die Geschichte an Testleser rausgehen kann, und hadere plötzlich nicht nur mit dem bisherigen Cover, sondern auch mit dem Titel. Noch schwanke ich, ob es genügt, wenn der genannte Riss zu Beginn und am Ende eine Rolle spielt und einen Teil der Dinge in Gang setzt, oder ob der Titel den größeren Teil der Geschichte abdecken sollte. Klar ist allerdings, dass dieser Roman mein bisher längster werden wird.

 

Mia mitten in Mitternacht: Hier möchte ich noch nicht allzu viel verraten, nur so viel, dass das Schreiben viel Freude bereitet hat, dass ich noch ein paar Illustrationen benötige und dass ich sehr gespannt auf die Rückmeldung meiner neunjährigen Testleserin bin.

 

2017 hat sich recht ordentlich geschlagen und 2018 wird mindestens genauso gut. :)

 


Die Drei, die Eine sind ...

 

Ja, ich bin mir sicher, das irgendwo schon einmal gehört zu haben - von "Charmed" bis Donald Duck (hier natürlich die drei Neffen) ist alles drin, doch das ist momentan eher unerheblich. Ich brauchte halt eine Überschrift. ;)

 

weiterlesen

 

 


Eine JAGD-Geschichte

 

Ideen sind ein äußerst umtriebiges Völkchen, denn sie tummeln sich allerorten, bereit, sich bei der erstbesten Gelegenheit in deinem Hirn einzunisten und dich fürderhin zu traktieren.

Und manchmal dauert diese Besetzung tatsächlich zwanzig Jahre.

Ungefähr so lange ist es her, dass ich Dienst in dem Steakrestaurant hatte, in dem ich damals arbeitete. Mit großem Spaß übrigens, denn man kam mit vielerlei Menschen zusammen. Und Ideen.

Irgendwann sagte ein Gast zu einem anderen (die beiden waren befreundet): „Nee, du, lass mal, ein anderes Mal. Ich glaub, ich werde alt.“

Ich habe keine Ahnung, worum es bei diesem Wortwechsel ging, aber der letzte Satz hielt Einzug in meinem Hirn. Und nicht lange danach begann die Idee Gestalt anzunehmen. Vage, aber … immerhin eine Idee. Also schrieb ich. Und schrieb. Dafür, dass ich überhaupt nicht wusste, wohin ich mit dieser Idee wollte, schrieb ich eine Menge. Irgendwann hing ich dann erst mal fest, weil mir Informationen fehlten. Und das Internet.

Also lag die Geschichte brach. Lange. Sehr lange. Genauer gesagt bis 2009. Da fand ich nämlich einen Schreibwettbewerb im Internet (Jawohl, endlich gab es diesen Tummelplatz dringend benötigter Informationen!), der da hieß: Heyne sucht den magischen Bestseller. Es galt, einen Roman mit übersinnlichen Elementen zu schreiben, Leseprobe samt Exposé (was zur Hölle ist ein Exposé?) einzusenden und einen Verlagsvertrag zu gewinnen.

Also wühlte ich alles, was ich jemals geschrieben hatte, durch, nur um festzustellen, dass ich eigentlich nichts hatte. Nichts Fertiges. Und nichts, zu dem ich ein Exposé hätte schreiben können.

Doch wer lässt sich schon von solchen Kleinigkeiten aufhalten? Ich krempelte die Ärmel hoch und mein Hirn um und ersann mir einen möglichen Ausgang meiner Geschichte. Ja, er war abstrus und konfus und eine Vollkatastrophe, aber egal, ich schickte alles ein (wenn ich mich recht entsinne, sollte eine Leseprobe von dreißig Seiten eingeschickt werden – so ein Glück, denn mehr als dreißig Seiten hatte ich auch nicht). Hätte ich nicht an diesem Wettbewerb teilgenommen, hätte ich mir nie verziehen, diese Gelegenheit versäumt zu haben.

Nun, natürlich hatte ich nicht gewonnen, aber meine Motivation war wieder da, die Geschichte zu einem verdienten Ende zu bringen.

Ich hatte mich in dem Jahr auch auf einer Schreibplattform angemeldet, auf der ich viele Gleichgesinnte kennenlernte – einige wurden zu Freunden.

Einem davon – Jacob Nomus, der selber Geschichten schreibt, die mich begeistern – schickte ich mein JAGD.

Nun, er bewies Geschmack, denn er zerriss es in der Luft. Nicht alles, eigentlich nur die Geschichte, aber die wäre toll geschrieben. Und da er sein eigenes Buch gerade beendet und veröffentlicht hatte, hatte er etwas, das heutzutage eher selten ist, nämlich Zeit. Und so haben wir viele Stunden damit verbracht zu JAGEN. Und die Geschichte wurde besser und besser.

Ein anderer befreundeter Autor erzählte bei einem Treffen auf der Buchmesse von seiner Idee, einen Krimi im Umkreis des Fußballvereins Hannover 96 anzusiedeln. Zum Einen, weil er Fan war (und vermutlich noch ist), zum Anderen, weil er sich Werbung erhoffte.

Und wieder stahl sich eine Idee in meinen Kopf: Es ist immer besser, über Dinge zu schreiben, die man kennt, warum also sollte JAGD nicht in Buer spielen? (Ja, es heißt angeblich Gelsenkirchen, aber nur hinterm Kanal. Nicht hier bei uns in Buer.)

Ich telefonierte mit einem sehr netten Herrn von Schloss Berge, der mir noch am selben Tag die Räumlichkeiten zeigte und die Idee, einen Roman im Umfeld des Schlosses spielen zu lassen, gut fand. Sehr geehrter Herr, leider weiß ich Ihren Namen nicht mehr, aber ich möchte ich mich hier noch einmal ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie mir an diesem Nachmittag ihre Zeit schenkten.

Damit war JAGD weiter fortgeschritten als je zuvor, doch noch immer harrte es seiner Vollendung.

Mein Bestreben, es an einen Verlag zu schicken, ließ es mich dann ein paar Jahre später zwar beenden, doch fertig war es immer noch nicht. Leider gibt es bei mir immer wieder Phasen, in denen ich mich zurückziehe, um mir gutzutun. Also zog auch JAGD sich zurück, kuschelte sich ein und wartete.

Bis mich vor nicht allzu langer Zeit eine Freundin (Ly Fabian, selber Autorin und vor allem Malerin gigantischer Bilder) darauf brachte, JAGD einem relativ neuen Verlag zu schicken. Hab ich.

Und am 01.09.2017 ist es endlich soweit: JAGD erblickt das Licht der Öffentlichkeit im Nibe-Verlag. *stolz bin

Auch hier möchte ich mich noch einmal bedanken:

Bei Jacob Nomus, der immer wenn ich festhing, den entscheidenden Impuls geben konnte. Jacob, irgendwann will ich mit dir ein Buch schreiben!

Und bei Ly Fabian, die oft mehr an mich glaubt als ich selber. Und die es schafft, mir immer wieder diesen nötigen Tritt in den Hintern zu geben.

 

Und bei Nikolaus Bettinger, dem JAGD so gut gefällt, dass er dem Buch ein Heim in seinem Verlag gegeben hat.


Irgendwie ein seltsames Gefühl ... So lange hab ich mit der Bestie meine Zeit verbracht, hab sie mal vor mir her geschoben, mal dran geschrieben - jetzt ist die neue Fassung fertig, ziemlich nah an dem, was ich möchte. Und ich? Weiß gerade nicht, was ich jetzt schreiben soll. Nun, wenigstens muss Daniel nicht mehr untätig auf der Herrentoilette verharren ... ;)

 

Irgendwann zu keiner Zeit

 

„Ähem.“

Seltsam, mir war noch nie aufgefallen, dass Fish sich räuspert, ehe er zu singen beginnt.

Egal, weiter im Text. Mit wenigen Schritten erreichte ich die nächste Tür.

„Hömhöm.“

Wie jetzt? Gleichzeitig singen und räuspern ist eigentlich nicht möglich – muss wohl an der CD liegen.

Sie war … verwirrend. Zahlreiche Farben verliefen ineinander, formten bizarre Muster und erinnerten mich an … nichts. Hm, irgendwie … vielleicht sollte ich doch …

„Och nee, bitte nicht.“

Hä? Wer …? Es war mittlerweile dunkel geworden, einzig der Display meines Laptops erhellte mein Wohnzimmer. Ich sah hoch. An der CD lag es garantiert nicht und ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass eine meiner Katzen das Sprechen gelernt hatte. Und auch wenn ich bisweilen zu Selbstgesprächen neige – derart verstellen könnte ich meine Stimme nicht, dass sie mir gänzlich unvertraut in den Ohren klang. Also musste noch jemand im Zimmer sein. Mist.

Behutsam drehte ich den Kopf.

„Hier bin ich“, erklang es hinter mir.

Ich sprang auf, drehte mich um und sah mich einem Vorhang gegenüber, wie ich ihn aus dem Theater kenne. Nur gibt es in meinem Wohnzimmer weder Bühne noch Vorhang. Eigentlich. Ich beschloss, ihn zu ignorieren. Eine Stimme aus der Dunkelheit, DAS wäre Anlass zur Sorge gewesen, aber ein Vorhang war so absurd, das konnte nur ein Produkt meiner Phantasie sein. Oder ein Indiz dafür, dass ich eingeschlafen war. Vielleicht sollte ich mich wecken.

„Worauf wartest du?“

In der Mitte des Vorhangs öffnete sich ein Spalt, eine kleine, blasse Hand erschien und winkte mich heran. Nun wurde ich neugierig. Immerhin konnte mir in einem Traum nichts geschehen, so dass ich der Aufforderung ruhig folgen konnte. Wecken konnte ich mich immer noch.

Die Hand war wieder verschwunden, also würde es wohl einige Zeit in Anspruch nehmen, den Spalt zu finden, doch der Stoff war federleicht und ich entsprechend rasch auf der anderen Seite.

„Wird auch Zeit. Los jetzt.“ Die Gestalt neben mir war grau und kam mir leidlich bekannt vor mit ihren vier Armen. Vor allem das Gesicht erinnerte mich an Jiminy Grille, Pinocchios Gewissen aus dem Disney Film. Allerdings hatte ich meine kleine graue Grille anders in Erinnerung. Kleiner.

„Man wächst mit seinen Aufgaben“, murmelte die Grille. „Können wir jetzt endlich?“

„Sekunde.“ Erst wollte ich mich umschauen, denn hier war ich noch nie gewesen. Vor mir erstreckte sich ein langer, grauer Gang, dessen Ende sich irgendwo in der Dunkelheit verlor. Es gab unzählige Türen auf beiden Seiten, die in den unterschiedlichsten Farben leuchteten. Und nach jeder Tür zweigten weitere Korridore ab.

Die Grille trat von einem Fuß auf den anderen. „Hast du's endlich?“

„Ich bin mir nicht sicher – wo bin ich? Und warum?“

„Du hast tatsächlich nicht den Schimmer einer Ahnung.“ Er seufzte. „Immer fallen mir die undankbarsten Aufgaben zu.“

„Ach ja? Und was genau ist deine Aufgabe?“

„Dir auf die Sprünge zu helfen.“ Jiminy hüpfte auf mich zu, packte mich am Arm und zog mich mit drei raschen Sprüngen zu der ersten Tür. „Los jetzt.“ Er öffnete die Tür und stieß mich in den Raum dahinter. Eine Herrentoilette.

„He, Moment mal, ich kann doch nicht …“, begehrte ich auf, doch mir wurde die Tür vor der Nase zugeschlagen. „Das ist doch …“

„Endlich“, erklang eine Stimme hinter mir. „Du hast mich lange warten lassen.“

„Äh …“ Okay, ein Treffen auf einer Herrentoilette, warum nicht? Ich hoffte nur, dass derjenige, der da sprach, gerade nicht toilettentypisch tätig war.

Ich drehte mich um und sah mich einem Fremden gegenüber. Komisch, dabei hatte ich neulich erst gelesen, dass man nie von Unbekannten träumte, sondern stets nur von Menschen, denen man irgendwann einmal in der Realität begegnet war. Meine Träume hatten wohl ihre ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten.

„Du weißt nicht, wer ich bin“, seufzte der Mann. „Kein Wunder lässt du mich hier so lange schmoren.“

„Was hab' denn ich damit zu tun, dass du hier so lange auf 'ner Herrentoilette … Sekunde mal – Herrentoilette?“ Ein kleines Glöckchen klingelte leise in meinem Hinterkopf.

„Na, dämmert's?“

Ich sah mein Gegenüber lange an. Seine Gesichtszüge blieben unvertraut, da ich jedoch ahnte, nein, wusste, wer er war, wunderte es mich nicht, denn ich visualisiere meine Personen nur sehr selten. „Du bist Daniel Döring.“

„Exakt.“ Er wirkte wie mein Kater nach dessen Lieblingsessen.

„Das ist …“ Ich hasse es, wenn mir die Worte fehlen. „Wie ist das möglich?“

„Das musst du den Koordinator fragen.“ Er nickte Richtung Tür.

„Jiminy?“

„Genau.“

„Was heißt 'Koordinator'? Er ist doch der Hüter meiner Erinnerung.“

„Ja. Nein. Ist doch jetzt egal. Können wir uns bitte mir und meinem Problem widmen? Ich mein', es ist ja nett, dass du mir 'ne Galgenfrist gewährst, wo wir beide wissen, wie es endet, aber muss es ausgerechnet die Herrentoilette sein? Wenn wenigstens Melanie ebenfalls hier wäre …“

Ich runzelte die Stirn. „Du weißt, warum das nicht geht.“

„Ja.“ Wieder seufzte er.

„Gut. Aber sag mal, die Tür … und die Türen draußen – heißt das jetzt, dass sich hinter jeder davon Personen aus meinen Geschichten befinden.“

„Ja. Gefangen in dem Augenblick, da du das Schreiben unterbrachst.“

„Wie cool ist das denn? Und kann ich jede Tür öffnen?“

Statt einer Antwort wandte Daniel sich ab. Jetzt wirkte er wie ein geprügelter Hund.

„Äh, Daniel, tut mir leid“, rief ich ihm hinterher. „Ich versprech' dir, ich schreib dich umgehend wieder raus hier. Gleich nachdem ich die anderen Räume angesehen habe.“

Doch Daniel verschwand ohne ein weiteres Wort in den Schatten des Raumes. Mist. Jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Und nun? Für mich gab es keinen Grund, noch länger allein auf dieser Herrentoilette zu verweilen, also ging ich zu der Tür und öffnete sie. Von innen sah sie aus wie jede beliebige Feld-, Wald- und Wiesentoilettentür, aber von außen … Erst jetzt hatte ich Zeit, sie genauer zu betrachten. Sie war schwarz mit dicken, roten Schlieren, in der rechten oberen Ecke leuchtete ein weißer Kreis. Au Mann, das hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Cover der Bestie.

Ich musste umgehend die übrigen Türen in Augenschein nehmen.

„Wo willst du hin?“, donnerte die Grillenstimme.

Was hatte Daniel vorhin noch gesagt? „Sag mal, seit wann bist du Koordinator? Und was genau koordinierst du?“

Jiminy seufzte und mein schlechtes Gewissen regte sich erneut. In letzter Zeit brachte ich zu viele Leute zum Seufzen. Ich seufzte ebenfalls.

„Ich versuche, deine Ideen zu ordnen und den Überblick zu behalten – glaub mir, bei deinen Erinnerungen hatte ich es leichter. Ich muss nämlich gleichzeitig dafür sorgen, dass du eine Idee nach der anderen auch zu Ende bringst.“

„Dann ist es also wahr? Hinter jeder dieser Türen finde ich Szenen aus meinen Geschichten?“ Mit wenigen Schritten erreichte ich die nächste Tür. Sie war … verwirrend. Zahlreiche Farben verliefen ineinander, formten bizarre Muster und erinnerten mich an … nichts. „Wen finde ich hier? Mia auf dem Dachboden vor der Tür, die keine ist? Tobi in seinem Zimmer mit dem Fremden? Arne hinter den Umzugskisten oder die Enden der Welt? Oder … ich weiß: den JÄGER!“ Ich streckte die Hand aus.

„STOPP!!!“

Ich zuckte zusammen und bin mir sicher, ich sprang tatsächlich in die Höhe, wie meine Katze, wenn sie sich erschreckt. „Herrje, musst du mir so einen Schrecken einjagen?“

„Ja, verdammt noch mal. Es ist immer dasselbe mit dir. Statt dich erst mal auf ein Projekt zu konzentrieren, verzettelst du dich mit zu vielen Ideen, schreibst hier ein bisschen, plottest da ein wenig, sinnierst und konstruierst und der Türen werden mehr und mehr. Erst vorhin ist schon wieder eine aufgetaucht.“ Er sah mich an, seine Augen funkelten. Er schien sehr wütend zu sein.

„Äh, naja, mir ist da 'ne Idee für 'ne Kurzgeschichte gekommen, nix Dolles und eigentlich auch fast fertig.“ Och nee, so werde ich das schlechte Gewissen nie los.

„Du hast die Bestie seinerzeit binnen zwei Wochen geschrieben, die Überarbeitung währt nun allerdings schon drei Jahre. Drei! Jahre!“ Er holte tief Luft. „Kannst du die nicht erst einmal beenden, ehe du dich auf das nächste Projekt stürzt?“

„Ich …“ Er hatte recht, da gab es nichts dran zu deuteln. „Naja, ich könnte …“

„Du musst! Die Geschichte ist doch längst hier. Vollständig. Du brauchst sie nur noch zu schreiben. Komm endlich in die Gänge!“

Ich sah zu der Tür vor mir.

„JETZT!!!“ Eine seiner Hände wies auf den Vorhang.

„Du hast ja recht.“ Ich seufzte. Schon wieder. Ich hätte gern weitere Türen geöffnet, doch es wurde wirklich Zeit, Daniel die Herrentoilette verlassen zu lassen.

„Darf ich wiederkommen?“

„Gern – wenn die Bestie fertig ist.“

Nur wenig später saß ich wieder an meinem Laptop und tippte die letzten Worte meiner Kurzgeschichte. Nun galt es, mich endlich Daniel zu widmen. Aber erst morgen. Oder … 


Schlaflos

 

Viele gute Geschichten sind derart hartnäckig, dass sie mir sogar den Nachtschlaf rauben, so dringend möchten sie erzählt werden. Und der Mond ist sowieso als der Schlafräuber schlechthin verschrien.

Insofern schiebe ich jetzt einfach mal die vergangenen schlaflose Nächte dem Mond und der Bestie in die Schuhe - was passt besser zu einem Werwolf-Roman als die Aussage: "In schlaflosen Mondnächten erlangte der Roman seine Fertigstellung."

Nun ist die Bestie zwar noch nicht fertig, aber ein Appetithäppchen könnte ich schon mal anbieten:


prolog

 

„Wieso trägst DU eigentlich nichts?“, fragte Lucas mit hochrotem Kopf und wuchtete die Schaufel von der rechten Schulter auf die linke.

„Ich trag doch was“, entgegnete Marvin und blies die Backen auf, „das wiegt schwer genug.“

„Ein unsichtbarer Fresskorb?“, schnaufte Arne und wischte sich mit einem Zipfel seines T-Shirts den Schweiß aus dem Gesicht.

„Leute …“ Marvin blieb stehen und schüttelte langsam den Kopf. „Auf meinen Schultern liegt die Verantwortung für dieses Unternehmen. Ihr wollt doch wohl nicht, dass was schief geht.“

Ein mehrstimmiges Seufzen gab dem Zwölfjährigen recht.

„Na also.“ Marvin setzte sich wieder in Bewegung. „Und trödelt nicht so, ich muss pünktlich zum Abendessen wieder zuhause sein, sonst ist für die nächsten Tage Schicht mit Bandenbudenzauber.“

Nach ein paar schweigsamen Schritten räusperte sich Lucas. „Du erwartest aber hoffentlich nicht, dass der Kleine nach der Schlepperei auch noch die Schüppe schwingt.“

„Ich bin nicht klein, ich schaff das schon“, murmelte Tim. Er wollte nicht, dass Marvin entschied, der Achtjährige wäre doch noch zu jung für die Bande. Nicht nachdem Lucas, der mit seinen Eltern im Haus gegenüber wohnte, sich so für ihn eingesetzt hatte.

Und eben der sah den Kleineren gerade ziemlich sauer an. „Halt die Fresse“, zischte er, „ich versuch gerade, dir den Arsch zu retten. Oder bist du so erpicht aufs Dreckschippen?“

Tim schüttelte den Kopf und sah zu Boden. Jetzt bloß nicht heulen, sonst war der Drops gleich gelutscht.

Marvin runzelte die Stirn. Vielleicht hätte er doch lieber die Schaufel selber schleppen und den Kleinen dann … er seufzte leise. „Das entscheiden wir dann am Ziel.“

„À propos“, mischte Arne sich ein, „so ein wohlklingendes und verheißungsvolles Wort. Nee, Spaß - mal im Ernst - wann genau sind wir da?“ Sein Shirt klebte mittlerweile pitschnass an seinem Oberkörper, was zur Folge hatte, dass er den Schweiß nicht mehr abwischen, sondern nur noch gleichmäßig im Gesicht verteilen konnte. Ein einzelner Tropfen hing zitternd an der Nasenspitze, und Tim ertappte sich dabei, wie er fasziniert hinstarrte und den Moment erwartete, in dem die Schwerkraft obsiegte.

Dieses Mal seufzte Marvin laut und vernehmlich. „Bei eurem Genörgel kann sich doch kein Mensch konzen…“ Jäh hielt er inne, ein breites Grinsen im Gesicht. „Da“, sagte er nur und deutete mit leuchtenden Augen auf irgendetwas vor den Vieren.

„Da“, wiederholte Arne und ließ zusammen mit dem Nasenschweißtropfen auch die Schaufel fallen. „Und da ist jetzt genau wo?“

„Boah, du Spast“, brummte Marvin, „wisch dir die Heulsusentränen ausm Gesicht und sperr die Glubschen auf.“ Er machte ein paar Schritte und deutete mit großer Geste auf den Waldboden. „DA!“

Da! bezeichnete eine Kuhle, die halb unter einem dicken, umgestürzten Baum verschwand, und Lucas nickte anerkennend. „Gut ausgesucht, Alter, nich so viel zu buddeln und gleichzeitig Wetterschutz von 'nem Einheimischen.“ Grinsend ließ auch er die Schaufel fallen. „Aber erst ist Chillen angesagt. Und Trinken.“ Er nestelte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack.

Tim lehnte die Schaufel ordentlich an einen Baum, stillvergnügt, dass nun Marvin an der Reihe war, Einsatz zu zeigen, der ihn mehr ins Schwitzen bringen würde als Verantwortung zu tragen.

Nachdem Lucas die Wasserflasche zweimal hatte kreisen lassen, spuckten die großen Jungs in die Hände und ließen die Schaufeln sprechen, während Tim sich im Schatten einer alten Eiche ins Wurzelwerk kuschelte und Müdigkeit sein Denken beschwerte.

„Scheiße! Was ist das?“

Tims Kopf fuhr in die Höhe und knallte schmerzhaft gegen die Borke des Eichenstammes.

Marvin, Lucas und Arne standen mittlerweile bis zu den Schultern in dem vorher nur hüfthohen Loch. Das heißt Marvin und Lucas standen dort. Arne hingegen kletterte japsend seiner Schaufel hinterher, die zwischen dem Loch und Tim lag, wobei der Achtjährige in einem schlafduseligen Moment dachte, der große Junge beeilte sich nur so, um sein Arbeitsgerät an der Flucht zu hindern. Schaufelverweigerung. Ein Kichern flatterte Tims Kehle empor, doch Lucas nächste Worte ließen es ersterben, noch ehe es den Lippen entschlüpfen konnte.

„Da is was vergraben.“

Ein Schatz?! Tim sprang auf. Was für ein Aben…

Marvin hatte sich hinunter gebeugt und als er sich wieder aufrichtete, hielt er etwas in die Höhe, dass nicht nur gegen einen Schatz sprach, sondern dafür sorgte, dass die Jungs Schaufeln Schaufeln sein ließen und die Beine in die Hand nahmen.

Und den ganzen Weg bis nach Hause schaffte Marvin es nicht, das modrige Holzkreuz wieder loszulassen …

klopf

Er hatte aufgehört zu zählen, wie die Dunkelheit mit jedem Schlag seines Herzens in sein Inneres sickerte.

klopf

Er hatte aufgehört zu fühlen, wie sein Körper schmerzte in der Wut, der Raserei, der Verzweiflung.

klopf

Er hatte aufgehört zu denken,

klopf

aufgehört zu sein …

klopf Klopf.

Da war …

Klopf!

Nicht sein Herzschlag. Nicht nur …

KLOPF!

Erst allmählich dämmerte ihm, dass er etwas hörte, tatsächlich hörte, etwas … Stimmen, es waren Stimmen. Sie waren wiedergekommen, doch noch wiedergekommen, endlich …

Seine Zunge ein Fels in ausgedörrter Mundhöhle, seine Stimmbänder unfähig, einen Laut hervorzubringen.

Ich bin hier!

Als ein klägliches Krächzen seinen aufgesprungenen Lippen entschlüpfte, zersprang es wie sprödes Glas in der erneut hereingefallenen Stille.

Sie waren fort.

Zurück blieben vier dünne Lichtpunkte, die über einen ausgemergelten Körper krochen … 



So wie gute Geschichten Zeit brauchen, um zu reifen, müssen auch Homepages sich nach und nach entfalten ... 




Vertan


Die Hände auf dem Rücken verschränkt, umkreiste er den Tisch unzählige Male.

Ohne Erfolg.

Aus dem Fenster schauend, schickte er überflüssige Gedanken auf Wolkenreise, um nur Wesentliches zu bedenken.

Ohne Erfolg.

Im Lotus-Sitz konzentrierte er sich auf seine Atmung und schloss die Augen.

Er gähnte.

Auf dem Boden liegend, glitt er in tiefen Schlummer.

Energisches Rütteln am Arm holte ihn zurück aus des Schlafes Tiefen.

„Was nun? Ich muss fort.“

Traumverloren murmelte er: „Ich wünschte, mir fiele endlich ein, was ich mir wünschen soll.“

Im selben Moment, da er es wusste, verbeugte sich der Dschinn und entschwand nach erfolgtem Dienst.