Leseprobe:

 

 

 

prolog

 

 

»Wieso trägst DU eigentlich nichts?«, fragte Lucas schnaufend. Er blieb stehen, um die Schaufel von der rechten auf die linke Schulter zu wuchten, was zwar keine Erleichterung, aber Zeit zum Durchatmen brachte.

Marvin, der den kleinen Trupp anführte, blieb ebenfalls stehen und drehte sich zu den Anderen um. »Tu ich doch«, entgegnete er und blies die Backen auf. »Und das is’ schwerer als jede Schaufel, das glaub mal.«

»Ach ja? Was denn? ‘nen unsichtbaren Fresskorb etwa?« Arne versuchte, mit einem Zipfel seines T-Shirts das hochrote Gesicht trockenzuwischen, ließ es aber bleiben, als er feststellen musste, dass das T-Shirt längst nass von Schweiß war.

»Alter …« Marvin schüttelte langsam den Kopf. »Auf meinen Schultern liegt die Verantwortung für das Ganze hier. Es soll doch nix schiefgehen, oder?«

Einmütiges Kopfschütteln gab dem Zwölfjährigen recht.

»Na also.« Marvin setzte sich wieder in Bewegung. »Trödelt nicht so, ich muss pünktlich zum Abendessen wieder zuhause sein, sonst ist für die nächsten Tage Schicht im Schacht und Bandenbudenzauber fällt flach.«

Nach ein paar schweigsamen Schritten räusperte sich Lucas. »Du erwartest aber hoffentlich nicht, dass der Kleine nach der Schlepperei auch noch die Schüppe schwingt.«

»Ich bin nicht klein, ich schaff das schon«, murmelte Tim. Er wollte nicht, dass Marvin entschied, der Achtjährige wäre doch noch zu jung für die Bande. Nicht nachdem Lucas, der mit seinen Eltern im Haus gegenüber von Tims Familie wohnte, sich so für ihn eingesetzt hatte.

Und eben der sah den Kleineren gerade ziemlich sauer an. »Halt die Fresse«, zischte er, »ich versuch’ gerade, dir den Arsch zu retten. Oder bist du so erpicht aufs Dreckschippen?«

Tim schüttelte den Kopf und sah zu Boden. Jetzt bloß nicht heulen, sonst war der Drops gleich gelutscht.

Marvin runzelte die Stirn. Vielleicht hätte er doch lieber die Schaufel selber schleppen und den Kleinen dann … er seufzte leise. »Das sehen wir dann, wenn wir am Ziel sind.«

»Apropos«, mischte Arne sich ein, »so ein wohlklingendes und verheißungsvolles Wort. Ziel. Nee, Spaß - mal im Ernst - wann genau sind wir endlich da?« Sein Shirt klebte mittlerweile pitschnass an seinem Oberkörper und auf seiner Shorts zeigten sich erste Schweißflecken. Sein Gesicht glänzte, ein einzelner Schweißtropfen hing zitternd an der Nasenspitze, und Tim ertappte sich dabei, wie er fasziniert hinstarrte und den Moment erwartete, in dem die Schwerkraft obsiegte.

Dieses Mal seufzte Marvin laut und vernehmlich. »Bei eurem Genörgel kann sich doch kein Mensch konzen…« Jäh hielt er inne, ein breites Grinsen im Gesicht. »Da«, sagte er nur und deutete mit leuchtenden Augen auf irgendetwas vor den Vieren.

»Da«, wiederholte Arne und ließ zusammen mit dem Nasenschweißtropfen auch die Schaufel fallen. »Und das ist jetzt genau wo?«

»Boah, du Spast«, brummte Marvin, »wisch dir die Heulsusentränen aus’m Gesicht und sperr die Glubschen auf.« Er machte ein paar Schritte und deutete mit großer Geste auf den Waldboden. »DA!«

Da! bezeichnete eine Kuhle, die halb unter einem dicken, umgestürzten Baum verschwand, und Lucas nickte anerkennend. »Gut ausgesucht, Alter, nich’ so viel zu buddeln und gleichzeitig Wetterschutz von ‘nem Einheimischen.« Grinsend ließ auch er die Schaufel fallen. »Aber erst ist Chillen angesagt. Und Trinken.« Er nestelte eine Wasserflasche aus seinem Rucksack. Nachdem die Flasche halb geleert war, besah er sich die Kuhle eingehender. »Schade eigentlich«, meinte er dann, »wär’ das Loch tiefer, müssten wir weniger buddeln.«

»Oh bitte.« Marvins Blick war ein einziger Vorwurf. »Für große Dinge müssen nun mal Opfer gebracht werden.«

»Gutes Stichwort, Alter.« Breit grinsend nahm Lucas Tim die Schaufel aus der Hand und hielt sie Marvin entgegen. »Dann geh mal mit gutem Beispiel voran und opfere. Ich bin mir sicher, Tim passt so lange auf die Verantwortung auf.«

Marvin öffnete den Mund, um zu protestieren, doch in Ermangelung eines guten Arguments kniff er die Lippen zusammen, nahm die Schaufel und stapfte zur Kuhle.

Die Anderen taten es ihm seufzend gleich, einzig Tim hockte sich in den Schatten einer alten Eiche, stillvergnügt, dass er nicht schaufeln musste, und sah den Dreien eine Zeitlang bei der Arbeit zu.

Die Sonnenstrahlen tanzten in den Schattenbildern des Eichenlaubs und flirrten vor seinen Augen, so dass er die Lider senkte. Er lauschte dem gleichmäßigen Geräusch der Schaufeln und fragte sich, wie diese drei unterschiedlichen Jungen es schafften, in exakt dem gleichen Rhythmus zu arbeiten. Doch kaum gedacht, verflüchtigte sich die Frage gleich wieder. Eine sanfte Brise schmeichelte seinem immer noch erhitzten Gesicht, er setzte sich bequemer hin, und obwohl sich die Borke des großen Baums unangenehm in seinen Rücken drückte, zerfaserten seine Gedanken, sein Kinn sank auf seine Brust und er schlief ein.

 

»Scheiße! Was ist das?«

Tims Kopf fuhr in die Höhe und knallte schmerzhaft gegen den Eichenstamm.

Marvin, Lucas und Arne standen mittlerweile bis zu den Schultern in dem vorhin noch nur hüfthohen Loch. Das heißt Marvin und Lucas standen dort. Arne hingegen kletterte japsend seiner Schaufel hinterher, die zwischen dem Loch und Tim lag, wobei der Achtjährige in einem schlafduseligen Moment dachte, der große Junge beeilte sich nur so, um sein Arbeitsgerät an der Flucht zu hindern. Schaufelverweigerung. Ein Kichern flatterte Tims Kehle empor, doch Lucasְ’nächste Worte ließen es ersterben, noch ehe es den Lippen entschlüpfen konnte.

»Da is’ was vergraben.«

Ein Schatz?! Tim sprang auf. Was für ein Aben…

Marvin hatte sich hinunter gebeugt und als er sich wiederaufrichtete, hielt er etwas in die Höhe, dass nicht nur gegen einen Schatz sprach, sondern dafür sorgte, dass die Jungs Schaufeln Schaufeln sein ließen und die Beine in die Hand nahmen.

Und den ganzen Weg bis nach Hause schaffte Marvin es nicht, das modrige Holzkreuz wieder loszulassen …

 

 

klopf

Er hatte aufgehört zu zählen, wie die Dunkelheit mit jedem Schlag seines Herzens in sein Inneres sickerte.

klopf

Er hatte aufgehört zu fühlen, wie sein Körper schmerzte in der Wut, der Raserei, der Verzweiflung.

klopf

Er hatte aufgehört zu denken,

klopf

aufgehört zu sein …

klopf Klopf.

Da war …

Klopf!

Nicht sein Herzschlag. Nicht nur …

KLOPF!

Erst allmählich dämmerte ihm, dass er etwas hörte, tatsächlich hörte, etwas … Stimmen, es waren Stimmen. Sie waren wiedergekommen, doch noch wiedergekommen, endlich …

Seine Zunge ein Fels in ausgedörrter Mundhöhle, seine Stimmbänder unfähig, einen Laut hervorzubringen.

Ich bin hier!

Als ein klägliches Krächzen seinen aufgesprungenen Lippen entschlüpfte, zersprang es wie sprödes Glas in der erneut hereingefallenen Stille.

Sie waren fort.

 

Zurück blieben vier dünne Lichtpunkte, die über einen ausgemergelten Körper krochen …

 

 

eins

 

 

Ihn schwindelte. Nach all dieser Zeit wusste sein Hirn nichts mehr mit dem aufrechten Gang anzufangen und nach nur wenigen, torkelnden Schritten umfing er den Stamm der alten Eiche mit seinen Armen und schmiegte seine Wange an die raue Borke.

Mit geschlossenen Augen sog er den Duft des Waldes in sich auf. Roch die Erde, die nach Regen dürstete, roch Moder und Fäulnis und auch das frische Grün der Bäume und Sträucher. Tod und Leben. Vor allem Leben.

Der Mond schenkte ihm Kraft, seine Stimme, anfangs nur ein Wispern, gewann an Stärke, sang ein Crescendo von Wildheit und Freiheit und einem Hunger, der schon so lange in seinem Inneren tobte und endlich nach Sättigung gierte.

Schritte störten den Gesang der Nacht, weit entfernt und doch so nah. Verheißung von Kraft und Lust und Erfüllung.

Er, der seinen Tod überlebte, streckte seinen dürren Körper, leckte sich über die Lippen und begann seine Jagd.

 

Im Morgengrauen kehrte er endlich wieder heim, fand sein Zimmer voller Sachen, die er nicht kannte, fand sein Abendessen im Kühlschrank und als er ihre Schritte hörte, fuhr er herum.

Lächelnd stand sie im Türrahmen. »Du kommst spät«, sagte sie nur und machte sich daran, sein Essen zuzubereiten.

Er nahm ihren Arm und drehte sie zu sich herum. »Lass es.«

»Du musst doch was essen, Junge.« Ihre Augen sahen ihn nicht, blickten in eine Vergangenheit, die sie lächeln ließ.

»Es ist gut, ich bin nicht … hungrig.«

Sie schlang die Arme um ihn.

 

Er ließ es geschehen, ahnte, dass ihr die Jahre zugesetzt hatten, und wusste, dass er hier immer noch ein Zuhause hatte.


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