Leseprobe:

 

 

Bestraft

 

 

Für Tinka, die das Pech hatte, ihren Bären zu verlieren …

 

 

Es war nur ein kurzer Augenblick der Unachtsamkeit gewesen, vielleicht fünf Minuten, in denen ihre Mutter am Handy wichtiger gewesen war, so dass sie ihrem Rucksack den Rücken zugekehrt hatte. Fünf Minuten. Wenn überhaupt. Und jetzt war der Rucksack leer. Nicht ganz leer, aber er fehlte, Bruno, der Teddy, der sie bereits ihr ganzes Leben auf ihren Reisen begleitete. Und dessen Abwesenheit ein großes Loch in ihr Herz riss. Bruno. Sie sah sich hastig um, lief ein paar Schritte in jede Richtung und konnte doch nichts von dem geliebten Bären ausmachen. Sie brach in Tränen aus.

 

Er hastete durch die Eingangshalle in Richtung Ausgang. Es war zwar nicht ganz die Beute, die er sich erhofft hatte, aber mit dem Teddy konnte er unterm Tannenbaum bei Sabine punkten. Er war niedlich genug, um ihr Herz zu erobern, und abgewetzt genug, dass er ihr glaubhaft versichern konnte, ihn auf dem Flohmarkt erstanden zu haben. Er grinste, als er sich auszumalen begann, wie sie ihm ihre Dankbarkeit erweisen würde.

 

In ihrer Trauer und Verzweiflung bemerkte sie nicht sofort, dass sich eine kleine Hand auf ihren Arm legte. Als sie aufblickte, sah sie in die großen blauen Augen eines etwa fünfjährigen Mädchens.

„Du musst nicht weinen“, sagte die Kleine ernsthaft, „der Weihnachtsmann hat deinen Teddy mitgenommen. Und bestimmt bringt er ihn dir zur Bescherung wieder. Nur noch zweimal schlafen.“ Die Kleine strahlte.

„Der Weihnachtsmann?“ Sie blickte umher, doch in der Wartehalle wimmelte es vor Weihnachtsmännern. „Toll! Und welcher von denen?“, fragte sie schniefend.

„Natürlich der Echte“, antwortete die Kleine im Brustton der Überzeugung. „Er ist nämlich gleich darauf verschwunden. Bestimmt ist er schon am Nordpol.“

„Von wegen. Aus dem Staub gemacht hat er sich.“ Langsam fühlte sie Wut in sich aufsteigen. „Den soll doch der Blitz beim Scheißen treffen“, murmelte sie.

Die Kleine riss erschrocken die Augen auf. „Du darfst dem Weihnachtsmann nichts Schlimmes wünschen. Weißt du denn nicht, dass an Weihnachten Wünsche wahr werden? Und wenn dem Weihnachtsmann was passiert, dann fällt die Bescherung aus.“ Die blauen Augen füllten sich mit Tränen.

 

„Keine Angst“, sie strich dem Mädchen sanft über den Kopf, „dafür gibt’s ja noch das Christkind.“ Dann schloss sie die Augen, konzentrierte sich auf das Bild ihres Teddys und ließ die Wut gedeihen, die ihr plötzlich süß schmeckte, ließ auch den Hass wachsen, schwelgte in dem Gefühl der Rache, atmete tief durch und grinste. „Der hier ist für dich, du Weihnachtsmann!“ Als sie ihren Wunsch aussprach, rannte das kleine Mädchen heulend davon.


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