Leseprobe:

 

 

Tabitha

 

 

Rötliche Schleier flirren hinter Augenlidern, die zu schwer sind, sie zu heben. Schmerzen halten das Bewusstsein umfangen. Er kann nicht atmen ohne ein Stechen in der Lunge, kann kein Glied rühren, ohne dass Feuer darin lodert.

So liegt er starr, flach atmend, weiß nicht, wo er ist noch wann noch warum. Einzig Worte sind in ihm, Sätze hallen nach, gesprochen von einer Frau, an die er sich nicht erinnert. Bis auf die Augen, die voller Kälte sind. Und Genugtuung.

Das Gefühl eines Sturzes lässt seinen Körper sich verkrampfen, Glut fließt in ihm, seine gesprungenen Lippen öffnen sich zu einem Schrei, doch allein einem atemlosen Keuchen gelingt es zu entschlüpfen. Kläglich in der Stille, die ihn umgibt, ungehört wegen der Worte, die unaufhörlich in seinen Ohren widerhallen, und deren Sinn er nicht erfassen will.

 

„Ich sah dich schon einmal. In meinen Träumen. Zusammen mit den anderen.“

 

„Gute Geschichten beginnen in den Köpfen der Menschen. Und manchmal, wenn es jemandem gelingt, die treffenden Worte zu finden, dann kommt eine Geschichte in ein Buch.“

Gregor hielt inne, als er eine klare Stimme in der Stille des Gartens hörte. Er folgte ihrem Klang und sah sie im Gras unter einer alten Weide sitzen: Eine junge Frau mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem Schoß, den Kopf geneigt. Das lange schwarze Haar verdeckte ihr Gesicht und ihren Körper, einem Vorhang gleich, der sie vor der Welt verbirgt. Interessiert lauschte er ihren Worten.

„Und diese Geschichte hier ist besonders gut gelungen …“

Unvermittelt hob sie den Kopf, sah herüber zu ihm, ihre viel zu hellen Augen fokussierten ihn nur einen kurzen Moment lang, ehe sie wieder in die Seiten des Buches eintauchten.

Nun, da sie ihn gesehen hatte, trat er näher. „Hallo.“

„Geh weg.“ Sie sah ihn nicht an, hielt den Kopf wieder gesenkt, und ihre Finger krampften sich um das Buch.

„Was machst du da?“ Er ignorierte ihre Ablehnung, denn sie machte ihn neugierig.

„Ich lese eine Geschichte vor.“

„Wem denn? Vielleicht mir?“, fragte er lachend.

„Nein. Dem Baum.“ Sie schlang die Arme um den Oberkörper, wie um sich vor dem Gedanken zu schützen, sie könnte IHM etwas vorlesen.

„Dem Baum?“ Gregor betrachtete die Weide kopfschüttelnd. „Und? Gefällt ihm die Geschichte?“

Jäh sprang sie auf und wich vor ihm zurück. „Geh weg!“ Sie schlüpfte hinter den Baum, brachte den Stamm zwischen sich und Gregor. „GEH WEG!!!“

„Ist ja gut“, er hob abwehrend die Hände, „bin schon weg.“

Kaum, dass er für sie nicht mehr zu sehen war, trug ein leichter Wind ihm wieder ihre Stimme zu, die ihn begleitete, bis er außer Hörweite war.

 

„Na, da hast du aber besonders Glück gehabt. Du kommst das erste Mal hierher und lernst gleich Tabitha kennen. Meine Freundinnen kommen mich seit Jahren besuchen und wissen nicht einmal, dass sie existiert.“

Gregor war es erst eine Stunde später wieder eingefallen, die Frage zu stellen, als er entspannt neben Astrid lag und sein Kopf so herrlich leer war. Jedenfalls beinahe, hätte sich nicht auf einmal die Erinnerung an seine Begegnung im Garten zurück geschlichen. „Wer ist Tabitha?“

„Arndts Schwester. Sie wohnt seit einer Ewigkeit in diesem Gartenhaus, aber man bekommt sie kaum zu Gesicht. Selbst ich kenne sie nicht. Arndt ist der Einzige, den sie in ihre Nähe lässt. Irgendwie ist sie nicht ganz normal, zurückgeblieben oder so. Deshalb wird sie nie ein selbständiges Leben führen können. Seit dem Tod der Eltern kommt Arndt für ihren Lebensunterhalt auf – da lässt er auch nicht mit sich reden. Ich hätte sie lieber in einem Heim untergebracht, aber er besteht darauf, sie hier zu behalten. Geht auch öfter mal für eine oder zwei Stunden zu ihr. Dabei war sie noch nicht mal auf unserer Hochzeit.“

„Ein komisches Paar.“

„Arndt und Tabitha?“

„Nee, du und dein Mann. Immerhin liegst du hier mit mir.“

„DU bist ja auch nicht ständig auf Geschäftsreise.“ Astrid schmiegte sich an ihn. „Und jetzt lass uns über was Anderes reden. Oder noch besser: Lass uns gar nicht mehr reden.“

 

Er stand am Fenster und sah hinaus in den Regen. „Es ist alles schwarz da draußen – das wird so schnell nicht mehr aufhören.“

„Na und? Du musst nicht gehen. Niemanden wird es stören, wenn du heute Nacht hierbleibst. Ganz im Gegenteil.“ Sie lachte leise.

„Wow, langsam, ich brauch auch mal 'ne Pause.“ Eine Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit und er schaute genauer hin.

Da stand jemand, er erkannte langes schwarzes Haar und ein kurzes weißes Sommerkleid. Tabitha. Sie stand vor dem Gartenhaus, hatte die Arme seitlich ausgebreitet und ihr Gesicht dem Regen zugewandt. Das Kleid war durch die Nässe durchsichtig und schmiegte sich an einen sehr weiblichen Körper.

Gregor schluckte. Einen kurzen Augenblick lang hatte er den Eindruck, dass Tabitha zu ihm herübersah, doch er war nicht sicher, und als sie begann, sich mit katzenhafter Grazie um sich selber zu drehen, war es auch nicht mehr wichtig.

Sein Blick wanderte über ihren Körper, der von innen heraus zu leuchten schien. Er sah ihre Brüste, die Warzenhöfe, die sich dunkel auf ihrer bleichen Haut abhoben, sah den Stoff des Kleides auf den Oberschenkeln kleben und erkannte deutlich, dass Tabitha auch keinen Slip trug. Noch einmal schluckte er, dieses Mal ganz bewusst, um zu verhindern, dass ihm ein Stöhnen entfuhr.

„Ich dachte, du brauchst eine Pause.“ Astrid war unbemerkt hinter ihn getreten, ihre kühle Hand umfasste sein erigiertes Glied. „Das fühlt sich aber gar nicht danach an.“

 

Jetzt stöhnte er doch, drängte Astrid vom Fenster weg, denn sie sollte nicht den Grund für das erneute Aufwallen seiner Lust sehen. Allerdings schafften sie es auch nicht mehr bis zum Bett. Und auf dem Boden zwischen Fenster und Bett, während er in Astrid kam, hatte er immer noch Tabithas Anblick vor Augen.


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