Leseprobe:

 

 

Stille Nacht

 

 

Leise rieselt der Schnee …

Seit es begonnen hatte, in dicken Flocken zu schneien, ging ihm dieses Lied unentwegt im Kopf herum und ließ ihn beschwingt ausschreiten. Denn das beständig dichter werdende Schneetreiben vermittelte ihm den Eindruck, das Wetter wäre sein heimlicher Komplize. Bereit, ein stilles, reines Tuch über sein Tun zu decken.

Als ein Auto in den Birkenkamp einbog und ihn für kurze Zeit in den Lichtkegel der Scheinwerfer rückte, ging er unbeirrt weiter. Es gab keinen Grund, sich im Schatten irgendwelcher Vorgärten verbergen zu wollen, nicht heute Abend, denn das Weihnachtsmannkostüm, das er trug, ließ keinen Raum für Argwohn. So kurz vor Weihnachten lag eine besondere Magie in der Luft und diese machte er sich zunutze. Niemand hinterfragte seine Anwesenheit oder den Inhalt des Sacks auf seinem Rücken, denn niemand ahnte, dass dieser Weihnachtsmann keine Geschenke brachte. Vielmehr hatte er sich eins geholt. Ein ganz besonderes, und niemand würde je davon erfahren. Denn wenn morgen die Polizei auf den Plan träte, könnte jeder mögliche Zeuge nur etwas vom Weihnachtsmann erzählen. Während er dann längst keiner mehr wäre. Und nicht nur Weihnachten verlöre seine Unschuld.

Er lachte laut, und es war kein gutmütiges Hohoho!, das für kurze Zeit die Stille der Nacht störte.

 

 

24 Jahre später …

 

 

Noch ehe Anne die Haustür aufschloss, ahnte sie, dass Torben seine Ankündigung wahr gemacht hatte, denn auf dem Treppenabsatz lagen ein paar Tannennadeln. Wenn der Baum bereits jetzt derart viele Nadeln verlor, wie viele mochten da noch folgen, ehe er seines Dienstes enthoben und entsorgt werden würde?

Die junge Frau schüttelte den Kopf. Weihnachten war definitiv die überflüssigste Zeit des Jahres.

Kaum betrat sie die Diele ihrer gemeinsamen Wohnung, eilte Torben ihr bereits entgegen.

„Da bist du ja.“ Er begrüßte sie mit einem flüchtigen Kuss und ergriff sie umgehend bei der Hand. „Komm, du musst ihn dir anschauen. Er ist eine Wucht.“

Das erste, das Anne ins Auge fiel, als sie ins Wohnzimmer traten, war der Esstisch. Torben hatte ihn an die Wand rücken müssen, um Platz für den Baum zu schaffen. Bequem sitzen und essen war nun die nächste Zeit an diesem Tisch nicht mehr möglich. So ein Aufwand für ein höchst überflüssiges Weihnachtsutensil. Zum ersten Mal, seit sie zusammengezogen waren, sehnte Anne sich zurück in ihre zwar kleinere, dafür aber weihnachtslose Wohnung. Sie seufzte.

Dann fiel ihr Blick auf den Fliesenboden unter dem wuchtigen Baum. Tannennadeln. Sie hatte es gewusst.

„Sag selbst, ist das nicht ein Prachtbaum?“ Torben legte seine Arme um sie. „Kerzengerade und voller …“

„Nadeln“, murmelte Anne, wand sich aus seiner Umarmung und verließ das Zimmer.

„Anne“, rief Torben ihr hinterher, „was ist los? Gefällt er dir nicht?“

Noch ehe er ihr folgen konnte, kam sie zurück, Handfeger und Kehrschaufel in der Hand, und machte sich wortlos daran, die Nadeln aufzufegen.

„Was machst du denn jetzt? Der Staubsauger steht doch schon hier, ich bin nur noch nicht dazu gekommen.“

„Darf keinen Lärm machen“, murmelte Anne und fegte weiter.

Die Türklingel enthob Torben einer Entgegnung.

Als Anne die Kehrschaufel zurück in die Küche bringen wollte, stieß sie im Türrahmen beinahe mit Zoë zusammen, Torbens sechzehnjähriger Tochter aus einer früheren Beziehung.

„Hoppla“, sagte Zoë lachend, „nicht so stürmisch.“

Anne drückte sich schweigend an dem Mädchen vorbei.

„Äh, was is’n los?“ Zoë sah ihren Vater fragend an, doch der zuckte nur mit den Achseln.

Kopfschüttelnd sah sie Anne nach, dann wandte sie sich dem Baum zu. „Mordstrumm“, meinte sie, „ein Wunder, dass du den heil hier rein bekommen hast.“

Die Spitze des Baums endete knapp eine Handbreit unter der Decke, die ausladenden Äste ragten auf der linken Seite über die Armlehne des Sofas, auf der rechten stießen sie bereits gegen die Wand. Der Weg zum Fenster war versperrt.

„Ja, irgendwie hab' ich mich da wohl etwas verschätzt. Beim Händler wirkte der Baum entschieden zierlicher.“ Torben kratzte sich verlegen am Kopf. „Vielleicht ist Anne deshalb sauer … Aber schön isser doch, oder?“

„Ja“, lachte seine Tochter, „schön gewaltig.“

„Zoë, was für eine Überraschung. Schön, dich zu sehen.“ Anne kam wieder zur Tür herein und trat freudestrahlend auf das Mädchen zu. „Was führt dich her? Gibt’s was Besonderes?“

„Äh“, Zoë erwiderte Annes Umarmung halbherzig, die Verwirrung war ihrem Gesicht abzulesen. „Was …“, begann sie, doch Torben bedeutete ihr Time out, und so setzte sie ein Lächeln auf, schluckte ihre Worte hinunter und beantwortete lediglich Annes Frage: „Nö, ich wollte eigentlich nur fragen, ob ich dich und die Minis morgen besuchen darf. Ich hab’ nämlich schulfrei.“

„Klar!“ Anne strahlte. „Seit deinem Praktikum fragen die Möppel eh fast täglich nach dir.“

„Prima – ich muss auch gleich wieder los, Geschenke shoppen. Dieses Jahr will ich nicht wieder an Heiligabend panisch durch die Stadt düsen. Also bis morgen.“

Torben nickte ihr kurz zu und Zoë wusste, er würde nicht nachhaken. Warum auch, Anne wirkte nun wieder wie immer.

Aber Zoë nahm sich vor, am nächsten Tag herauszufinden, warum ihre Noch-nicht-ganz-Stiefmutter so seltsam gewesen war.

 

„Seltsam? Ich? Ach, Quatsch.“ Anne schüttelte den Kopf. „Wie kommst du denn auf so was?“

Es war gerade mal kurz nach sieben Uhr morgens und von den Kindern aus Annes Gruppe noch kaum eines da. Zoë, sonst eher Langschläferin, war etwa zeitgleich mit Anne eingetroffen, um in Ruhe mit ihr reden zu können.

„Nicht seltsam? Du bist wort- und vor allem grußlos an mir vorbeigegangen. Selbst Papa konnte mir nicht sagen, was mit dir los war.“

„Gar nichts war mit mir los. Und wieso grußlos? Ich hab’ dich doch sofort begrüßt, als ich ins Wohnzimmer kam. Da könnte eher ich dir böse sein, dass du nicht gleich zu mir in die Küche gekommen bist, um Hallo zu sagen.“

 

„Küche?“ Zoë zog die Stirn kraus. „Aber du warst doch …“ Annes verständnisloser Blick ließ das Mädchen verstummen. Vielleicht sollte sie doch erst noch mal mit Papa sprechen. Aber normal war das nicht.


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