Leseprobe:

 

 

Zauber der Großstadt

 

 

Leonies Kopf schmerzte. Sie hatte die Augen geschlossen und versuchte, den bohrenden Schmerz hinter ihrer Stirn zu ignorieren. Tief durchatmen und bequem liegen. Doch ein unangenehmer Geruch umwehte sie und sie lag auf etwas Hartem und konnte ihre Beine nicht richtig ausstrecken, weil sie dauernd gegen ein Hindernis stieß. Seufzend drehte sie sich auf die Seite und öffnete die Augen.

Kleine, gerötete Augen funkelten sie bösartig an, zitternde Schnurrhaare und spitze Zähne. Es dauerte einen Moment, weil ihr träges Hirn von den Schmerzen abgelenkt war, doch dann kam jäh die Erkenntnis: Leonie lag Auge in Auge mit einer Ratte! Mit einem Aufschrei sprang sie auf, ihr Kopf dröhnte ob dieser zu schnellen Bewegung und Wellen von Übelkeit marterten ihren Magen. Schwindel ließ sie taumeln, auf einem seltsam unebenen Untergrund stolperte sie, fiel vornüber und hart auf die Knie. Sie wollte sich abstützen, den Sturz abfangen, bevor sie womöglich mit dem Kopf aufschlug, doch ihre Hände berührten etwas Weiches, Schleimiges, und sie zog sie angeekelt wieder fort, versuchte durch eine seitliche Bewegung irgendwie den Halt zurück zu gewinnen. Dann rutschte etwas unter ihr weg und sie verlor endgültig das Gleichgewicht. Ihre Schläfe schlug gegen etwas Unnachgiebiges, und obwohl der Aufprall nicht allzu heftig war, tanzten feurige Kreise vor ihren Augen, die sich rasch mit Tränen füllten. Ein heißes Schwert schnitt durch ihren Kopf, sie keuchte, da nicht ausreichend Luft für einen Schrei da war – und es wurde dunkel

 

Als Leonie erneut die Augen öffnete, war der Schmerz nur mehr ein dumpfes, rhythmisches Pochen. Dieses Mal war sie klüger, setzte sich mit sparsamen Bewegungen beinahe wie in Zeitlupe auf und atmete dabei betont gleichmäßig. Erst als sie, an eine Mauer gestützt, aufrecht stand, sah sie sich um.

Eine schmale Gasse zwischen zwei fensterlosen Mauern, die sich über ihr in der Dunkelheit verloren. Eine schmale Eisentür, über der eine schwache Lampe nur die unmittelbare Umgebung aus den Schatten der Nacht hervorhob. Links neben der Tür ein Abfallhaufen, kaputte Holzkisten, mehrere Abfallsäcke, die teilweise aufgeplatzt waren und ihr übelriechendes, unansehnliches Innere frei gaben. Leonie wollte lieber nicht wissen, was genau da aus den Säcken quoll, aber warum sie in diesem Abfallhaufen gelegen hatte, das wüsste sie schon gerne. Sie versuchte, sich das Geschehen des heutigen Abends in Erinnerung zu rufen, allein das Klopfen in ihrem Kopf machte es unmöglich, sich zu konzentrieren. Da war einfach nur ein schwarzes Loch in ihrem Gedächtnis.

Vorsichtig tastete Leonie sich an der Wand entlang, hin zu der einzigen Lichtquelle, Schritt für Schritt, kontrollierte Fortbewegung, bedächtig, um die Pein im Schädel klein zu halten. An der Tür angelangt atmete sie ein paar Mal tief durch. Erträglich. Also weiter. Sie probierte, die Tür zu öffnen, und natürlich war sie verschlossen. Und auf ihr Klopfen kam keine Reaktion. Nichts anderes hatte sie erwartet, obwohl - da war so eine leise Hoffnung gewesen …

Leonie schloss die Augen, sie fühlte sich ausgelaugt, zerschlagen, erschöpft wie nach einem Marathon, doch noch immer weigerte sich ihr Gehirn, Informationen zum vergangenen Abend preiszugeben. Frustriert schüttelte sie den Kopf und bereute es im selben Augenblick, weil der Schmerz wieder aufflammte. Sie stöhnte, ballte die Hände zu Fäusten, die Fingernägel tief ins Fleisch gegraben, Gegenschmerz, biss sich auf die Unterlippe, wollte ihre Verzweiflung und ihre Qual in die Nacht hinausschreien und atmete stattdessen gleichmäßig ein und aus, ein und aus, ein und … Ihr Blick begann zu wandern, über ihr grünes Kleid – ihr Lieblingskleid – zerrissen und schmutzig, ihre Beine, zerkratzt, blutig, verdreckt, und ihre bloßen Füße. Warum hatte sie keine Schuhe an? Das Kleid war aus Seide und sprach dafür, dass sie heute Abend ausgehen wollte. Oder ausgegangen war. Und das ganz sicher nicht barfuß, sondern auf jeden Fall in hochhackigen Pumps oder Sandaletten. Wo also waren diese Schuhe? Und warum hatte sie sie ausgezogen?

Leonie mochte grübeln, soviel sie wollte, sie kam nicht einen Schritt weiter und war mittlerweile so frustriert, dass sie am liebsten ihr momentan kein bisschen weises Haupt mehrmals vor die Wand geschlagen hätte, um so ihr streikendes Erinnerungsvermögen wieder in Gang zu bringen, so von wegen ‚leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen’. Da ihr der Kopf allerdings schon weh genug tat, sah sie von dieser Möglichkeit ab und beschloss, anderweitig vorwärts zu kommen. Da sich das eine Ende der Gasse hinter dem Abfallhaufen in bedrohlicher Finsternis verlor, wählte Leonie die andere Richtung, wo sie Licht sah und eine Straße vermutete. Vielleicht würde sie dann erkennen, wo sie war.

 

„Herrje, du meine Güte, wie sehen Sie denn aus?“ Eine Frau um die Fünfzig eilte bestürzt auf sie zu. Leonie blinzelte. Vages Erkennen blitzte hinter dem immer noch quälenden Kopfschmerz auf und sie ließ sich widerstandslos in die Arme schließen. Silvia irgendwas, dachte sie nur und seufzte dankbar.

„Liebes Kind, was ist Ihnen nur geschehen?“ Die Frau legte einen Arm um Leonies Schulter, schob die andere Hand unter ihr Kinn und zwang sie so, den Kopf zu heben. Ihr Blick war intensiv, voller Besorgnis.

Leonie lächelte müde. „Ich weiß es nicht, ich kann mich nicht erinnern.“

 

„Mein Gott, Sie sehen furchtbar aus. Kommen Sie, mein Mann ist noch im Restaurant. Dort können Sie ausruhen und die Polizei rufen.“ Sanft, aber bestimmt drängte Silvia sie in eine Seitenstraße, und Leonie ließ sich bereitwillig führen, denn inzwischen wusste sie, wohin es ging.

 


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