Leseprobe:

 

 

Eine Frage der Zeit

 

 

Als Moritz die Augen öffnete, sah er völlige Finsternis. Es war nicht einfach nur jenes Dunkel, das die Anwesenheit von Licht auf ein Minimum reduzierte, wie etwa den silbernen Schimmer ferner Gestirne oder das rötliche Glühen der Zeit eines Radioweckers – nein, das Licht war ganz und gar verschwunden, vollkommen weg, die ihn umgebende Schwärze war so absolut, dass er meinte, sie mit Händen greifen zu können. Moritz starrte blicklos nach oben und alles ihn ihm sträubte sich dagegen, diese Situation zu akzeptieren.

Vielleicht war er ja blind, aber er konnte sich an nichts erinnern, was dazu geführt haben könnte, und seinen behutsam tastenden Händen offenbarten sich keine Wunden, Verbände, Narben, nichts Außergewöhnliches. Somit waren ein Unfall, eine Explosion oder Ähnliches auszuschließen. Trotzdem konnte er nicht das Geringste sehen. Und so sehr er auch grübelte, sein Verstand versagte ihm jegliche Erklärung.

Nachdem er eine Weile verunsichert da gelegen hatte, vernahm er aus unbestimmter Richtung ein leises Summen, was ihm eine Gänsehaut verursachte. Denn es machte ihm erst bewusst, dass es der einzige Laut in der Dunkelheit war. Da gab es nicht die üblichen Hintergrundgeräusche, keinen Verkehrslärm, keine Melodie der Natur, kein Stimmengewirr. Die alltägliche Sprache der Welt war verstummt, da war nur dieses Summen, von irgendwem, irgendwoher, schrecklich vertraut in seiner Tonfolge, doch fehlendes Erkennen zerrte an Moritz’ Nerven und er fühlte sich noch orientierungsloser und unbehaglicher als zuvor.

Andererseits glomm jedoch auch ein Funken Hoffnung auf, denn dieses Summen bedeutete schließlich auch, dass da noch jemand war, Moritz war nicht allein in dieser unerklärlichen Situation, und er hoffte inständig, von dieser Person, wer immer es war, Aufklärung zu bekommen.

Entschlossen setzte Moritz sich auf, hielt kurz inne, weil flüchtig ein Gedanke aufkeimte, doch der wurde wieder in den Hintergrund gedrängt, denn es stand Wichtigeres an. Moritz schluckte ein paar Mal, er fühlte seine Zunge fremd und schwer in seinem Mund und einen dicken Kloß in seiner Kehle. Und obwohl ihn die Angst vor der Wahrheit lähmte, brachte er doch ein Wort hervor: „Hallo?!“ Seine zitternde Stimme hallte dumpf wider, als befände er sich in einer großen Halle oder einem Gewölbe, und da war auch erneut das Aufblitzen des Gedankens, den er beim Aufrichten gehabt hatte, doch wieder verwarf er ihn, denn mit dem Echo war auch das Summen verstummt, und die Stille jetzt lastete schwerer auf ihm als vorher nur die Dunkelheit.

Moritz begann zu zittern, Tränen strömten aus seinen Augen, er sah sich um seine Hoffnungen betrogen, doch er unterdrückte ein aufsteigendes Schluchzen, vermied jegliche Geräusche, weil der Widerhall nur deutlicher machen würde, dass es sonst keinen anderen Laut mehr gab.

 

Was war denn nur passiert? Er fühlte sich hilflos, nicht in der Lage, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, in seinem Kopf herrschte eine schreckliche Leere, und seine Angst wuchs. Also versuchte er sich zu konzentrieren, sein Denken zu fokussieren, und mit einem Mal war da wieder dieser Gedankenblitz. Dieses Mal ließ Moritz ihn gedeihen und wusste endlich, was seine Hände schon längst wahrgenommen hatten: Er befand sich gar nicht im Bett, sondern saß auf einem unebenen, harten Untergrund, zu warm für Stein, zu fest für Erde, seltsam lebendig und doch tot. In seinem Kopf drehte sich allmählich alles und er holte tief Luft. Dabei registrierte er schließlich auch diesen Geruch, leicht modrig, süßlich, aber auch sauer, verbraucht, Übelkeit erregend. Ein Geruch wie Krankheit, Tod.


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