Leseprobe:

 

 

Abgang

 

 

Es war jener Augenblick des Tages, an dem die Nacht noch nicht weichen will, obwohl der Morgen schon lauert, und die ganze Welt im Zwielicht den Atem anhält, während die aufgehende Sonne die letzten Schatten der Dunkelheit verscheucht.

Es war ein Samstag. Vielleicht auch ein Sonntag. So genau konnte Samuel Greger beim Aufwachen nie sagen, wann er wo war. Montags bis freitags arbeitete er gewissenhaft in einer Bank, aber von Freitagabend bis Sonntagabend ließ er die Sau raus, da war von dem verknöcherten, staublangweiligen Bankkauf­mann nichts mehr übrig. Tequila und Tanzen, gelegentlich auch Sex mit Zufallsbe­kanntschaften, dazu schachtelweise Zigaretten – so sah sein übliches Wochenende aus. Und nicht selten wachte er dann in einem Bett auf, das nicht seins war, entweder weil seine Kurzzeitsex­partnerin den kürzeren Heimweg gehabt oder weil einer seiner Kumpel ihn gnädigerweise mit zu sich genommen hatte, weil er es ja doch nicht nach Hause geschafft hätte.

Als Samuel – oder Sam, wie er lieber genannt werden wollte – an diesem Morgen also in die Dämmerung blinzelte, erkannte er sein eigenes Schlafzimmer. Gut. Er musste dringend pinkeln und kannte den Weg, musste also kein Licht machen. Seine Augen wären ihm mit Sicherheit dankbar deswegen, denn sie fühlten sich geschwollen an und brannten und bei Licht begännen sie vermutlich sofort zu tränen. So aber kannte er den Weg quasi im Schlaf.

Grinsend schlug er die Bettdecke zurück, schwang seine Beine aus dem Bett und stand auf. Und fand sich im nächsten Augenblick auf dem Boden liegend wieder. Die Sterne vor seinen Augen verblassten bereits, während seine Stirn stetig pochte und sich eine beachtliche Beule bildete, dort, wo sein Kopf mit dem Nachttisch schmerz­lichen Kontakt gehabt hatte.

»Au, Mann, so ein verfluchter Mist!«, schimpfte Sam. Sein linkes Bein war völlig taub, vermutlich schlief es noch und hatte von Sams dringendem Bedürfnis noch nichts mitbekommen. Zeit, es aufzuwecken.

Zwischen Bett und Badezimmerwand ver­steckten sich die letzten Schatten der Nacht, so dass Sam kaum etwas sah, aber er kannte seinen Körper blind und griff nach seinem Bein, um mit einer Massage das Blut schneller zirkulieren zu lassen, denn allmählich wurde es bedrohlich, sonst pinkelte er noch … Der Restalkohol hielt seinen Verstand einlullend umfangen, weshalb er etwas länger brauchte, um die Information, die seine Hände ihm lieferten, zu verarbeiten: Da war kein linkes Bein!

Mit einem Aufschrei zog Sam sich am Nachttisch hoch und tastete hektisch nach dem Lichtschalter. Der sanfte Schimmer der Nacht­tischlampe stach in seinen Augen und durch brennende Tränen sah er, dass sein linkes Bein tatsächlich nicht da war. Und das war der Moment, in dem er sich in die Hose pinkelte und in Ohn­macht fiel.

 

Sam öffnete die Augen und fand sich halb unter seinem Bett liegend. Seine Pyjamahose klebte klamm an seinem Unterkörper, das Schlafzimmer drehte sich um seinen schnapsseligen Schädel und er erinnerte sich an ein gemurmeltes Gespräch, das ihm beim Einschlafen vor wenigen Stunden in den Ohren geklungen hatte …

 

»Du kannst mich nicht mehr umstimmen, mein Entschluss ist gefasst.«

»Überleg es dir doch bitte noch einmal. Du kannst doch nicht einfach so abhauen.«

»Papperlapapp! Ich hab’ schon viel zu lange ausgeharrt. Das ist doch kein Leben. Den ganzen Tag nur sitzen, stehen, sitzen, mal ein paar Schritte gehen, aber höchstens zum Auto oder zum Klo. Obwohl – ich wette mit dir, der würd’ sogar mit dem Auto aufs Klo fahren, wenn das nur irgendwie ginge.«

»Ja, du hast ja recht, ich würd’ ja auch gern mehr Bewegung haben, aber guck doch mal, die Wochen­enden …«

»Natürlich, die Wochenenden, wie konnte ich die vergessen. Da wird ja getanzt, und das obwohl er’s nicht kann, und wenn ich dann versuche, ihm die richtigen Schritte zu zeigen, machst du nicht mit, er stolpert, setzt sich hin und säuft.«

»Na ja, aber später dann …«

»Was? Das bisschen Bettakrobatik? Dem wär’s in seinem Suff doch sowieso am liebsten, die Frau würd’ sich auf ihn draufsetzen und ihm die ganze Arbeit abnehmen. Nee, nee, lass mal, mir reicht’s. Ich hau ab, ans Meer, Joggen am Strand, Watt­wandern, das wär’s. – Was ist mit dir? Kommst du mit?«

»Kann ich nicht. Ich bin doch sein Standbein. Ohne mich ist der aufgeschmissen.«

»Wie du willst. Ich bin nur sein Schwungbein – und mit Schwung mach’ ich mich jetzt vom Acker. Tschüss dann.«

Auf einmal hatte sein linkes Bein zu zucken begonnen, doch Sam hatte es nicht weiter beachtet und ein leises »Ich werde dich vermissen« glitt mit hinüber in seinen Schlaf.

 

Nun jedoch, halb unter dem Bett und mit dem fehlenden Bein, erkannte er die Bedeutung dieser Unterhaltung. Ganz klar, sein Bein war abgegangen und einfach abgehauen!

Ächzend rollte er sich herum und zog sich am Bettpfosten hoch. Sein rechtes Bein half ihm so gut wie möglich dabei, so dass er schließlich wieder auf der Matratze lag, den Kopf auf dem Kissen, das rechte Bein angewinkelt. Seine Kehle war trocken, doch das Wasser war im Kühlschrank und der stand in der Küche. So ohne Bein war das nicht zu schaffen.

»Wieso hast du es nicht aufgehalten?«, fragte er vorwurfsvoll.

Das Bein schwieg.

»Ich weiß, dass du reden kannst, hab’s ja heut’ Nacht selber gehört.«

Immer noch keine Antwort.

 

»Dann eben nicht.« Wütend drehte Sam den Kopf zum Fenster. Das Denken fiel ihm immer noch schwer, sein Schädel brummte und die Augenlider waren so schwer und fielen einfach zu. Ganz kurz wackelte es an der Matratze, aber da war er schon fest eingeschlafen.


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