Gibt es Lieblingsgeschichten aus der eigenen Feder? Gibt es. Und die meisten davon finden sich in dieser Kurzgeschichtensammlung. :)

 

Leseprobe:

 

 

Papa 

Der Weg zur Haustür war ihr noch nie so weit vor­ge­kommen. Mit jedem Schritt über die mit Unkraut über­wucherten Steinplatten fiel es ihr schwerer, die Füße vor­einander zu setzen. Schließlich blieb sie stehen, ein Schluchzen stieg ihre Kehle hinauf, doch sie schluckte es hinunter. Sie wollte das Haus nicht betreten. Nie wieder. Es war kalt, leer, abweisend, ohne Papa fehlte die Seele des Hauses. Ohne Papa fehlte ein Teil ihrer eigenen Seele.

Sie holte tief Luft, atmete den süßen, berauschenden Duft der üppigen Buschrosen, die längst die Vorherrschaft im Gar­ten übernommen hatten. Das war Papa. Seine Rosen, die er eigen­händig gepflanzt, gehegt und gepflegt hatte. Sie lächelte weh­mütig, als sie sich daran erinnerte, wie es begonnen hatte …

  

»Was machst du denn da, Papa?« Sie hatte mit Schwung die Gartentür aufgestoßen und wäre beinahe über einen Spaten gestolpert.

Papa richtete sich auf und wischte sich den Schweiß von der Stirn, wobei er einen Streifen brauner Erde zurückließ. »Eine Überraschung für Mama, wenn sie aus dem Krankenhaus wieder nach Hause kommt.«

Rechts und links des Gartenweges waren in regelmäßigem Abstand Rosenbüsche gepflanzt – das hieß, nicht ganz regelmäßig, denn auf der rechten Seite schien einer zu fehlen.

»Das ist aber asymmetrisch«, teilte sie Papa ihre Beob­achtung mit. »Entweder hast du die Abstände nicht eingehalten oder da rechts fehlt ein Busch.«

»Klugscheißerin!« Er grinste. »Wir sind nun mal seit fünf­zehn Jahren verheiratet. Fünfzehn lässt sich nicht durch Zwei teilen, wenn ich keine halben Büsche pflanzen will. Und den nächsten gibt’s erst im nächsten Jahr.« Er hob den Spaten auf. »Ich bin fertig, hab’ jetzt allerdings noch kein Essen gemacht. War doch mehr Arbeit als ich dachte. Was hältst du von Pizza?«

»Gute Idee.« Sie kaute auf ihrer Unterlippe. »Du, Papa?«

Er blieb stehen und sah sie an. »Was denn?«

»Mama liebt Rosen – sie wird sich ’nen Keks in den Bauch freuen.«

»Das ist Sinn der Sache«, entgegnete er lachend. »Und sie sind von diesem tiefen Dunkelrot, das sie so liebt.«

»Ich werd’ auch mal so ’nen Mann wie dich heiraten, Papa. Mindestens.«

  

Das war vor sieben Jahren gewesen.

 Noch heute war sie beeindruckt von der Arbeit, die Papa sich gemacht, und von der Liebe, die aus dieser Geste ge­sprochen hatte. Und von dem Leuchten, das Mamas Gesicht überzogen hatte, als sie ihre Überraschung gesehen hatte. Als im Sommer die ersten Blüten sich öffneten, war dieses Leuch­ten noch einmal zurückgekehrt. Und am Abend dann …

  

»Ich geh’ noch mal in den Garten, ein paar von diesen wunderbaren Rosen für die Vase holen.« Mama kam ins Wohn­zimmer, die Gartenschere in der Hand und lächelte müde.

»Tu das.« Papa stand aus dem Sessel auf und ging zu seiner Frau.

Sie sahen sich tief in die Augen, bevor sie sich küssten. Lange küssten.

»Man könnte meinen, du gehst auf eine lange Reise … Papa, Mama will doch nur ein paar Rosen schneiden, in unserem Garten.« Sie lachte kopfschüttelnd. Manchmal waren Eltern wirklich komisch.

Mama kam zu ihr, legte ihr eine Hand unters Kinn und brachte sie so dazu, den Kopf zu heben. »Sei nicht so frech«, tadelte sie lachend. »Manchmal muss man einfach zeigen, wie sehr man seine Familie liebt.« Sie beugte sich zu ihr herunter und nahm sie in die Arme, drückte sie fest und lange und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange.

Als ihre Mutter aus dem Zimmer ging, hatte sie einen Kloß im Hals. Und fragte sich, ob ihre Eltern ihr wirklich immer die Wahrheit über die Krankheit gesagt hatten …

Später war sie gemeinsam mit Papa nachsehen gegangen, wo Mama so lange blieb. Da hatte ihre Mutter tot neben dem Weg gelegen, mitten zwischen ihren geliebten Rosenbüschen.

 


oder überall im Buchhandel erhältlich