Leseprobe:

 

 

Verwunderlandlich

 

 

»Möchtest du einen Ballon?« Eine weiß behandschuhte Faust schiebt sich vor ihr Gesicht, darin unzählige Fäden, die eine bunte Traube Luftballons auf ihrem Weg in den wolkenlosen Himmel aufhalten.

Sie blinzelt. »Ballons? Ernsthaft?«

Die Ballons tanzen in der Brise, die mit dem Duft nach kandierten Äpfeln, Zuckerwatte und Popcorn lockt.

»Warum nicht? Ein grüner Ballon für ein schönes Mädchen in einem hübschen grünen Kleid.«

Kleid? Sie sieht an sich herab, gewahrt changierenden Chiffon, apfelgrün, der ihre nackten Beine umschmeichelt, und dunkelgrüne, fast schwarze Spangenschuhe. Eine dünne Staubschicht auf dem Lackleder zeugt von dem langen Fußweg, an den sie sich nicht erinnert. Drehorgelmusik erzählt in der Ferne vom lieben Augustin. Alles ist hin.

Die weiße Faust ist einem gelben Ballon gewichen, der nur wenige Zentimeter vor ihrer Nase zappelt.

»Gelb? Weil es zu deinen Haaren passt?«, fragt der Ballon.

Unwillig schüttelt sie den Kopf. »Lass mich in Ruhe mit deinen Ballons. Ich will keinen.« Sie schlägt den Ballon zur Seite und trifft etwas Nachgiebiges, Schmieriges. Als sie herumwirbelt, sieht sie sich lediglich umringt von Ballons, die wie auf ein unhörbares Kommando hin gleichzeitig aufsteigen. Ihr Blick folgt dem Schwarm, der anfänglich in wechselnden Formationen fliegt, einem Vogelzug gleich, ehe sich die Ballons auf eigene Wege begeben und wahllos das Himmelsblau bunt betupfen.

Sie reißt sich von dem Anblick los und hält Ausschau nach dem Besitzer der Stimme.

In einiger Entfernung tanzt neben dem Gerippe des Zeltes eine Gestalt mit spitzem Hut und lächerlich großen Füßen zur Drehorgelmusik, während ein Windhauch erneut von Popcorn flüstert.

 

Der anfahrende Bus trennte Lilys Augen vom Zirkusplakat und als sie den Halteknopf drückte, entdeckte sie etwas Weißes, Cremeartiges an ihrer Hand. Während sie es mit einem Papiertaschentuch abwischte, fragte sie sich, ob es zu viel Handcreme oder Teil eines Clownsgesichts war.

Sie kam aus dem Badezimmer, ein Handtuch um den Kopf gewickelt. Eine lange Strähne rostroten Haares hatte sich nicht einfangen lassen und hing nun über die Schläfe hinunter auf ihre Schulter und tropfte beständig auf das graue T-Shirt, das an dieser Stelle immer dunkler wurde.

»Guten Morgen.« Sie klang entschieden zu fröhlich für diese Uhrzeit.

»Morgen«, brummte Jonas und kramte in seinem Gedächtnis nach dem Namen. Irgendwas mit I. Iris. Ingrid. Ilka.

»Du bist Jonas, stimmt’s?« Sie blieb vor der Couch stehen und stopfte die Strähne unters Handtuch.

Er nickte, während er die Decke zurückschlug und sich aufsetzte. Eigentlich war es viel zu früh für ihn, aber es war das Schicksals des Couchschläfers, dass er wach sein musste, sobald auch nur einer der anderen wach war. Gähnend fuhr er sich durch die schwarzen Locken.

»Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee vertragen.« Sie lachte und verschwand in der Küche.

Er lehnte sich zurück und schloss noch einmal die Augen. Frühaufsteherin. Zum Kotzen. Hätte er Mitspracherecht … Er seufzte.

»Zucker? Milch?«, rief sie aus der Küche.

»Nein«, antwortete er. Andererseits, wenn sie jetzt jeden Morgen Kaffee machte …

»Läuft durch«, sagte sie und kam wieder ins Wohnzimmer.

Er nickte und musterte sie verstohlen. Sie trug nur das graue T-Shirt, das allerdings so aussah, als würde sie zweimal hineinpassen. Ihre rechte Schulter ragte keck aus dem Ausschnitt des Shirts und zeigte ein Tattoo. Eine Spinne. Er hob kurz die Augenbrauen, weil es ihn überraschte und gleichzeitig anzog. Zumal der Rest von ihr auch sehr ansprechend war. Vor allem ihre Beine. Die waren lang und schlank und leicht gebräunt – für einen Moment stellte er sich vor, wie sich diese Beine in Ekstase um seinen Körper schlangen.

»Einen Cent für deine Gedanken.« Sie ließ sich neben ihn aufs Sofa fallen.

»Besser nicht.« Kein BH. Er schluckte und schob die Decke auf seinen Schoß.

Sie lachte. »Schon klar.«

Eine Zeitlang saßen sie schweigend nebeneinander, während in der Küche die Kaffeemaschine röchelte. Er starrte bemüht auf den Fußboden, obwohl er ihre Anwesenheit deutlich spürte. Nicht nur ihre Blicke. Ihr Körper schien aus purer Hitze zu bestehen.

»Weißt du, was ich mich frage?«

Er schüttelte den Kopf.

»Warum hab’ ich das Zimmer bekommen? Ich mein’, du bist doch schon viel länger hier.«

»Ich tauge nur zum Couchschläfer.« Er zuckte die Achseln.

»Typisch Maik.« Sie lachte wieder.

Er fragte sich, ob sie mit Maik schlief, und nickte. »Ich kann mir das Zimmer halt nicht leisten.« In seinem Kopf sah er es vor sich, wie sie sich bei Maik das Zimmer leistete, und knubbelte noch mehr von der Decke auf seinen Schoß.

»Ich doch auch nicht.« Sie rutschte vom Sofa und stand auf. »Ich guck mal nach dem Kaffee.«

Er sah ihr nach. Sie hatte seine Vision mit ihren Worten soeben bestätigt, doch er hoffte trotzdem, dass sie keine von denen war, die …

Sie kam zurück mit zwei Kaffeebechern. »Ich wusste nicht, welches deine Tasse ist«, sagte sie und hielt ihm grinsend eine Tasse entgegen, die mit Schweinen übersät war. Sie selber nippte aus einer Tasse mit Marienkäfern.

»Danke.« Er nahm den Kaffee entgegen und starrte in die Tasse.

Sie setzte sich wieder neben ihn, ein Stück näher dieses Mal.

»Ich war übrigens auf derselben Schule wie du«, sagte sie. »Drei Klassen unter dir. Ich fand dich damals schon heiß.«

Nun hatte ihre Hitze seinen Kopf erreicht. Er nahm einen Schluck Kaffee.

Sie nahm ihm die Tasse aus der Hand und stellte sie gemeinsam mit ihrer auf den Couchtisch. »Aber damals hast du überhaupt nicht registriert, dass ich existiere.« Sie zog sich das Handtuch vom Kopf und warf es auf den Fußboden. Ihre Haare flossen über ihren Rücken. Sie waren noch immer nass und sehr lang, reichten beinahe bis zur Hüfte. »Heute allerdings …« Sie zog die Decke von seinem Schoß und sich das T‑Shirt über den Kopf. Sie trug nicht nur keinen BH.

Er zog sie an sich und küsste sie. Sie schmeckte nach Kaffee und Zucker und hieß Fiona. Er hatte es gewusst: Irgendwas mit i …

 

»Ein Bild? Das ist so viel mehr als lediglich Farbe auf Papier oder Leinwand. Es erzählt dir Geschichten, nimmt dich mit in eine andere Zeit und trägt dich auf den Schwingen der Phantasie in ferne, unbekannte Welten.« Lilys Blick verlor sich jenseits des Antlitzes ihres Gegenübers.

Der junge Mann verdrehte die Augen. »Danke, dass Sie mich darüber in Kenntnis gesetzt haben.«

Lily strahlte. »Schön, dass ich Ihre Frage beantworten konnte.«

»Meine Frage?« Der Mann hob eine Augenbraue. »Ich habe gefragt, ob Sie alleine sind oder ob Sie noch jemanden erwarten.«

Sie blinzelte mehrere Male hintereinander, ehe sie sich umsah. Sah Menschen an Tischen sitzen, einige mit Speisen und Getränken vor sich, andere noch in Speisekarten blätternd.

Ihr Gegenüber räusperte sich und zeigte ein Lächeln, das ebenso ein Zähnefletschen hätte sein können. »Eine Person?« Oder will tatsächlich jemand in Ihrer Gesellschaft essen?

»Ja.« Lily nickte, drehte sich um und verließ das Lokal.

 

 


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