Daniel sah hinaus, beobachtete die Wolken, die träge über den Himmel zogen und atmete tief durch. Kein Mond. Er entspannte sich etwas. Es war immerhin auch noch nicht Vollmond.

Zehn Minuten später verließ er die Wohnung.

 

Eine Mutter war noch vor ihm dran, also musste er untätig auf einem viel zu kleinen Stuhl vor dem Klassenzimmer warten. Sein Inneres war in Aufruhr, am liebsten wäre er wieder gegangen. Er sprang auf und begann, auf und ab zu laufen, voller Unrast, schneller werdend. Dabei warf er immer wieder einen Blick aus dem Fenster. Der Mond – er rief ihn – er musste … gerade als er gehen wollte, öffnete sich die Tür und die Mutter und Tims Lehrer traten auf den Flur.

»Herr Döring.« Nachdem Bernd Jochim sich von der Frau verabschiedet hatte, kam er zu Daniel und hielt ihm die Hand entgegen.

Daniel nickte nur, ergriff dann aber doch die Hand und schüttelte sie, allerdings nicht ohne seine eigene, schweißnasse Hand vorher an der Hose abzuwischen.

»Kommen Sie«, Bernd machte eine einladende Geste Richtung Klassenzimmer, »es wird nicht lange dauern.«

Wieder gab es nur einen winzigen Stuhl, und als Daniel seine Beine unter den Tisch quetschte, durchlief ein Kribbeln erst die Beine, dann den ganzen Körper. Herrgott, was war bloß los mit ihm?

Bernd redete auf ihn ein, zeigte ihm ein paar Blätter Papier, redete wieder – und Daniel verstand nicht ein Wort. Trotzdem nickte er lächelnd, versuchte, zufrieden und stolz auszusehen, denn der Miene des Lehrers nach zu urteilen, sagte er etwas Gutes über Tim. Vanessa hatte auch nie von Problemen in der Schule gesprochen, also warum musste er dann überhaupt hier sein? Er schwitzte, wischte immer wieder seine Hände an der Hose ab und sah aus dem Fenster. Immer noch kein Mond, aber es konnte nicht mehr lange dauern. Er spürte es.

»Da ist nur eine Sache, die ich kurz ansprechen möchte: Tims letzter Aufsatz war etwas, nun ja, ungewöhnlich von der Thematik her. Er hat über ein Grab im Wald geschrieben, in dem eine Mumie … Ist Ihnen nicht gut, Herr Döring?«, fragte Bernd besorgt.

»Hä?« Daniel hatte gar nicht bemerkt, dass er aufgestanden war und leicht schwankte. »Ich weiß nicht – ich glaub’, ich geh’ jetzt besser.«

Bernd öffnete ihm noch die Tür, da hastete Daniel schon aus dem Raum, rannte den Gang entlang und die Treppe hinunter. Ihm war klar, dass Tims Lehrer Vanessa beim nächsten Treffen darauf ansprechen würde, doch das war ihm in diesem Augenblick egal. Er musste weg, nur weg.

Er lief an seinem Auto vorbei. So konnte er unmöglich fahren und die kalte Herbstluft konnte vielleicht seiner Übelkeit Herr werden, die sich in seinem Magen zusammenballte und allmählich seine Kehle heraufzukriechen begann.

Er hastete die Middelicher und anschließend die Cranger Straße entlang, bis er es nicht mehr aushielt, ein brennender Schmerz breitete sich jäh in seinem Körper aus und er erbrach sich in einem Gebüsch am Rande des Parks, der auf dem Autobahndeckel angelegt worden war. Dann taumelte er auf die Wiese und ließ sich fallen. Als der fast volle Mond aufging, drehte Daniel sich auf die Seite und krümmte sich vor Schmerzen. Warum?, dachte er noch. Es ist zu früh.

 

Er stand auf der Halde in Oberscholven und lauschte in die hereinbrechende Nacht. Hörte nicht das Surren der Windräder und auch nicht den Lockruf des Mondes. Was er hörte, was das Schlagen eines Herzens, das Rauschen des Blutes und den Schrei der Bestie, die hinausdrängte. Zum ersten Mal. Und bald auch zum letzten Mal.

Er lächelte. Nun, da er wusste, wo er finden würde, war es Zeit, dem Mond zu folgen.

 

Als ein paar Minuten später Schritte erklangen, erhob er sich rasch, tauchte in die Schatten der Büsche und lauerte. Es war ein Mann, allein, und niemand anderer zu hören oder zu sehen. Ein Knurren stieg in Daniel auf, drängte hinaus in die Nacht, die ebenso jung war wie der neue Sohn des Mondes, und als der Mann auf seiner Höhe war, schlug er zu.

 

Mein Gott, oh, mein Gott, was tue ich da? Ich bin doch kein Mörder, ich muss … Er sprang auf, heulte, knurrte, wich vor dem leblosen Körper zurück und wurde wieder von ihm angezogen. Blut glänzte dunkel im Mondlicht, er sah es, roch es, schmeckte es, wollte mehr und wollte fort. Als sich ein Auto auf der Straße näherte, sprang er in großen Sätzen Richtung Frankampstraße davon.

 

Regen fiel in einem dichten Schleier von einem pechschwarzen, wolkenverhangenen Himmel. Selbst die Straßenlaternen kapitulierten vor der Dunkelheit und den Schatten der Nacht. Die Straße war menschenleer, nur ab und an fuhr ein Auto vorbei.

Er erwachte, weil mit der Nässe auch die Kälte sein Inneres durchdrang und allmählich den Schmerz betäubte. Schmerz. Vage erinnerte er sich an einen Angriff, an Verletzungen, an einen dunklen Schemen, der knurrte und – biss? Werwolf.

Vorsichtig setzte er sich auf. Werwolf, so ein Quatsch. Es gab keine Werwölfe. Nur einen Aufsatz von einem Schüler, der mit etwas zu viel Phantasie beschenkt war. Und genauso wie es keine Mumien gab, die aus ihren Gräbern im Wald oder wo auch immer auferstanden und allzu neugierige Kinder heimsuchten, gab es auch keine Werwölfe. Höchstens Hunde, die von verantwortungslosen Haltern freilaufend auf die Menschheit losgelassen wurden. Und manchmal eben zubissen.

Sein Kopf schmerzte, ebenso seine Kehle und seine Schulter. Er tastete mit seiner Hand behutsam darüber, fühlte Wunden und Nässe, doch bei dem Regen war das nicht verwunderlich. Und in dem schwachen Licht war nicht auszumachen, wo regennasser Stoff aufhörte und Blutflecken begannen.

Er stützte sich auf das nasse Gras und stand auf. Schwankend am Anfang, seine Sicht verschob sich für einen Moment und der Park drehte sich um ihn, doch er kniff die Augen zusammen, atmete tief ein und aus. Und die Welt stand wieder still.

Zeit heimzukehren. Zum Glück war es nicht weit und bei dem Regen war nicht damit zu rechnen, dass er jemandem begegnete. Mit ein paar unsicheren Schritten ging er zurück zur Cranger Straße, doch kaum hatte er sie überquert und bog in die Wodanstraße ein, hatte sein Gang bereits seine alte Sicherheit wiedergewonnen. Und nach einer ordentlichen Mütze voll Schlaf sähe die Welt wieder normal aus.

 

Im Morgengrauen kehrte Daniel zurück, schlich ins Haus und traf auf Vanessa, die in der dunklen Küche saß, eine Zigarette rauchte und ihn nicht ansah.

»Warst du bei ihr?«

Ihre leise Frage verwirrte ihn. »Bei wem?« Er sah immer noch den Mann vor sich, schmeckte dessen köstliches Blut auf seinen Lippen und sein Kopf schwirrte von widersprüchlichen Gefühlen.

»Hör auf, mich für dumm verkaufen zu wollen.« Sie drückte die Zigarette in einem vollen Aschenbecher aus. »Ich hätte dich wenigstens für so anständig gehalten, mir zu sagen, dass du dich wieder in sie verliebt hast. Oder nie damit aufgehört hast. Schließlich war sie deine Erste ...« Ihre Stimme klang spröde, wie klirrendes Glas, ihre Worte schnitten in sein Herz. Melanie, sie dachte, er und Melanie … hielte ihn nicht weiterhin das Feuer der Gier und der Scham umfangen, hätte er lachen mögen. 

»Nein, ich …«

»Nicht jetzt – ich bin müde und habe keine Nerven mehr für irgendwelche Ausflüchte.« Sie sah ihm in die Augen, mit einem Blick, aus dem einzig Resignation sprach.

»Du siehst das falsch, ich war nicht bei Melanie.«

Sie stand auf und ging wortlos zur Tür. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um. »Nicht? Wo warst du denn dann?«

Er öffnete den Mund, wollte ihr sagen, dass es keine andere Frau für ihn gab, nicht mehr und nie mehr, doch was sollte er ihr stattdessen sagen? Er konnte ihr unmöglich erzählen, was in der Nacht vorgefallen, was mit ihm passiert war. Und vor allem nicht, was mit … 

»Keine Antwort ist auch eine Antwort.« Sie verließ die Küche, tappte in ihren dicken Socken durch den Korridor auf die Treppe zu und sah sich nicht mehr um.

Alles in ihm schrie danach, ihr nachzueilen, doch eine weitere Stimme sprach in ihm, leise, beinahe unhörbar, bot sie ihm eine Lösung für sein Problem. Er schluckte. Nein, nicht eine Lösung – die einzige. Er ging hinunter in den Keller und schloss die Tür hinter sich ab.

 

Jetzt als eBook und Print auf Amazon erhältlich