„Bücher lesen heißt, wandern gehen in ferne Welten, aus den Stuben, über die Sterne“

Jean Paul


Caput Draconis - Tränen, Hauch und Herz des Drachen

 

Auslöser war die Frage einer befreundeten Malerin, ob wir nicht auch mal zusammen ein Kinderbuch machen wollten. Klar, sofort, aber … Bislang hatte ich Bücher geschrieben, für die meine Kinder zu jung waren, nun wollte ich keinesfalls ein Buch machen, für das sie zu alt wären. Ich benötigte also lediglich eine entsprechende Idee.

Mein Ältester leistete dann ebenfalls einen Beitrag, indem er darüber sinnierte, dass man bei einer großen Wohnung nie wissen könnte, ob nicht in einem der anderen Zimmer jemand sitzen würde, von dem man nichts wüsste. Da war sie, die Idee, winkte mir noch aus der Ferne zu und schien zu schüchtern, um näherzukommen.

Schließlich diskutierte ich diese Idee mit meinen jüngeren Kindern. Auf dem Balkon sitzend, die Sonne genießend, entstand ein Grundgerüst für ein erstes Buch, dem – so war mir sofort klar – noch zwei weitere folgen würden. Es war ein wunderbarer Nachmittag, die Bücher werden mich stets daran erinnern.

Es sollte jedoch noch Jahre dauern, ehe es mit der Geschichte weiterging, und bis zuletzt, bis ich das Wort Ende unter den dritten Teil setzte, wusste ich nicht, was alles geschehen und wie es enden würde.

Drei Bücher in einer mehr oder weniger Rohfassung sind fertig und das Gefühl dazu ist großartig. Es liegt noch einiges an Arbeit vor mir, doch ich freue mich darauf. Die Geschichte ist phantastisch und wird hoffentlich noch viele andere Menschen begeistern. (Mag sein, dass ich ein wenig voreingenommen bin, aber – hey! – ich bin die Autorin, ich muss das.

Danke an Ly Fabian für die Initialzündung, danke an Sebastian für den Gedanken, den du mir mitgabst, und danke an Sven und Lena, dass ihr mich von eurer Phantasie schöpfen ließet.

 

Luis saß im Schneidersitz am Fußende seines Bettes und sah seinem Besucher dabei zu, wie der langsam Buchstabe um Buchstabe vertilgte. Dabei wippte der Dreizehnjährige auf und ab, denn er wollte endlich wissen, an wen er sein Russisch Brot verfütterte.

Als der letzte Buchstabe gegessen war, sah der Fremde auf. Die Angst war aus seinen Augen verschwunden, doch die Verwirrung war noch immer greifbar. „Danke.“

„Kein Ding.“ Luis’ Finger trommelten auf der Bettdecke.

„Wo bin ich hier?“ Der Mann sah sich um. „Hier müsste doch …“ Er schloss die Augen. „Das Portal. Die Tür. Es ist nicht – richtig.“

„Stimmt.“ Luis nickte. „Dies ist mein Zimmer. Und das da hinter mir, die einzige Tür, die es in diesem Zimmer gibt. Und normalerweise …“ muss man da hindurchgehen, um reinzukommen, wollte Luis sagen, doch er verschluckte den Rest des Satzes. Er konnte doch überhaupt nicht wissen, wie der Typ reingekommen war, während er, Luis, auf der Toilette gewesen war. Er sollte auf der Hut bleiben. Langsam stand der Junge auf und ging wie zufällig ein paar Schritte Richtung Tür. Da waren immer noch die Nachbarn …

„Die Tür ist nicht richtig.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Sie sollte anders sein. Alt. Und – eine Tür, die keine ist.“

„Hä? Alter, eine Tür, die keine ist – das ist keine Tür. Das ist …“ Luis blies die Backen auf. Schwachsinn.

„Kannst du mir helfen, die Tür zu finden? Sonst … irgendwas passiert dann … wenn ich nur wüsste …“ Der Mann presste die Fäuste gegen die Schläfen.

„Die Tür finden. Klar. Nichts leichter als das.“ Luis zog den Mann auf die Füße und dirigierte ihn zum Fenster. „Hier siehst du meine Straße. In meiner Stadt. Dieses Haus hier hat vielleicht zehn, zwölf Türen. Die ganze Straße hat mindestens fünfzig Häuser, die Stadt vermutlich hundert-, hundertfünfzigtausend – selbst wenn ich pro Haus nur zehn Türen rechnen würde, wären das circa 1,5 Millionen Türen, eher noch mehr. Viel mehr. Wie, bitteschön, sollen wir da die EINE Tür finden?“ Er schüttelte den Kopf. „Vergiss es.“

Der Fremde sah hinaus und an seinem Blick erkannte Luis, dass er nicht die Straße sah, sondern etwas, das weit darüber hinaus lag. Und eine Gänsehaut kroch über seine Kopfhaut. Er zog das Lederband, das er als Kette um den Hals trug, aus seinem Ausschnitt und drehte den Anhänger in seinen Fingern, wie immer, wenn er nervös war.

Das Sonnenlicht brach sich in dem tropfenförmigen Stein und ließ Reflexionen im Zimmer tanzen. Eine davon huschte über das Gesicht des Fremden, streifte für einen flüchtigen Moment sein Auge und ließ ihn hastig herumfahren. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den Anhänger an. „Lacrima“, wisperte er, „die Träne des Drachen.“ Er sprang vor und packte Luis’ Hand. „Woher hast du sie?“