Leseprobe:

 

 

Das Mädchen im blauen Kleid

 

 

»Es gibt keine Geister.«

Emilia verzog das Gesicht. »Sagt ausgerechnet der, der ständig Skelette, Zombies, Creeper und anderes Gedöns plattmacht.«

Nico verdrehte die Augen. »Boah, Millie, also echt jetzt. Das is’n Spiel, die gibt’s nicht in echt. Wie blöd kann man sein?«

»Du hast nicht gesehen, was ich gesehen hab’«, ent­gegnete Emilia leise.

Stirnrunzelnd betrachtete Nico seine kleine Schwester. Wenn sie weder auf die Verballhornung ihres Namens noch auf die Beleidigung reagierte, lastete wirklich etwas auf ihrer Seele. Außerdem glänzten ihre Augen so, als wollte sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Er seufzte. »Also gut. Was genau hast du denn gesehen?«

»Einen Geist«, hauchte die Elfjährige und eine Träne kullerte über ihre rechte Wange.

 

Emilia erschrak ob der Helligkeit, die jenseits ihrer geschlossenen Lider lauerte. War es schon Morgen? Wie viel Uhr? Welcher Tag? Sie musste doch zur Schule … Als sie endlich die Augen öffnete, sah sie mitten hinein in das fette, grinsende Antlitz des Mondes und holte tief Luft. Na toll. Erst hatte sie vergessen, den Rollladen herunter­zulassen, und dann wachte sie auch noch mitten in der Nacht auf. Das versprach, ein besonders muffeliger Morgen zu werden, ganz zu schweigen vom Rest des Tages. Seufzend drehte sie sich auf die Seite, schloss die Augen und versuchte, ihren Traum von vorhin wiederzufinden.

Das Mondlicht krabbelte über ihre Wimpern, zwängte sich durch den winzigen Spalt ihrer Lider, leuchtete in ihrem Inneren und ließ jedes Traumbild verblassen.

»Boah, nee, ne?« Emilia schlug die Decke zurück und quälte sich aus dem Bett. Auf bloßen Füßen tappte sie zum Fenster und streckte die Hand nach dem Rollladengurt aus, doch sie erstarrte jäh in der Bewegung.

Am Ende der Wiese, neben der einsamen Linde, stand ein Mädchen in einem blauen Kleid. Die Haut schimmerte bleich im silbrigen Mondlicht, das kurze Kleid war von dem zarten Blau des Frühlingshimmels und viel zu sommerlich für eine kalte Winternacht wie diese. Blonde Locken umflossen schmale Schultern bis hinab zur Hüfte und an den Füßen trug das Mädchen keine Schuhe.

Emilia blinzelte. Obwohl die Gestalt sich im Mond­schatten des Baumes befand, umgab sie ein unirdisches Leuchten, und Emilias Herz schlug lauter und schneller. Sie fröstelte. Längst hatte die Kälte im Zimmer die letzte Wärme des Schlafes vertrieben und die Elfjährige zitterte und rieb sich die Gänsehautarme. Und obwohl es draußen um vieles kälter sein musste, stand das Mädchen still am Fuß des Baumes und sah hinunter auf das Wurzelwerk.

»Alter«, murmelte Emilia und kniff sich vorsichts­halber in den Arm. Vielleicht hatte sie längst einen anderen Traum gefunden und befand sich mitten darin. Doch der Schmerz war äußerst real. Sie wollte nicht darüber nachdenken, was die seltsame Erscheinung dort draußen bedeuten mochte, und als sie aus den Augenwinkeln eine Bewegung in der linken Ecke des Gartens wahrnahm, wandte sie ihren Blick bereitwillig dorthin. Drei Kaninchen tummelten sich vor den Rhododendronbüschen. Unver­mittelt stoben sie los, im Zickzack zur Linde, einmal drum­herum und entfleuchten rechts in die Haselnussbüsche. Das Mädchen im blauen Kleid aber war verschwunden.

 

Emilia bedachte ihn mit diesem Kulleraugenblick, dem selbst ein dreizehnjähriger Bruder nur schwer widerstehen kann, und Nico atmete tief durch. »Em«, begann er behutsam, »es gibt keine Geister. Das, was du scheinbar gesehen hast, ist die Ausgeburt der lebhaften Phantasie eines kleinen Mädchens, das vor dem Einschlafen zu viele schlechte Filme guckt. Lass die Kiste einfach mal aus, dann schläfst du auch durch und hast nicht solche aberwitzigen Hallus.«

Emilia schob die Unterlippe vor. »Du bist gemein.« Sie schniefte. »Ich bin kein kleines Mädchen mehr. Und ich hab’ mir das nicht eingebildet. Sie war da. Ehrlich.«

»Boah, chill dein Leben. Es – gibt – keine – Geister. Isso. Und jetzt raus.« Er wedelte unmissverständlich mit der Hand, setzte sich vor den PC und die Kopfhörer auf. »Ich muss noch ein paar Creeper alle machen«, sagte er grinsend.

Seine Schwester kniff die Lippen zusammen, warf den Kopf in den Nacken und rauschte aus dem Zimmer.

 

Nicos Worte hatten sie nachdenklicher gemacht, als sie ihm gegenüber je zugeben würde, und so machte Emilia vor dem Schlafengehen Fernseher und Laptop aus. Ihr Einschlafen begleiteten lediglich das leise Ticken der Uhr und ihre Gedanken, die sie bewusst vorfreudig auf den geplanten Osterurlaub lenkte, auch wenn dieser noch in weiter Ferne schien. Mit einem Lächeln schlief sie ein.

Ein Geräusch ließ sie jäh hochschrecken und einen bangen Moment lang hallte es in ihren Ohren nach wie ein Klopfen an ihrem Fenster. Dann jedoch knabberte Krümel erneut an den Gitterstäben des Kaninchenkäfigs und Emi­lia atmete auf. »Ach, Krümel«, flüsterte sie, »du sollst doch nachts nicht immer so einen Krach machen.« Sie legte sich wieder hin und fragte sich, ob und wie lange sie schon geschlafen hatte. Krümel, der unbeeindruckt weiter seine Zähne mit dem Gitter maß, konnte ihr nicht weiterhelfen und sie selber vermied jede Bewegung, weil sie einfach nur schnell wieder einschlafen wollte. Wen interessierten auch Uhrzeiten mitten in der Nacht?

Der Mond schlinste um den Fensterrahmen und erin­nerte Emilia an den Grund für den erneut oben belassenen Rollladen: das Mädchen im blauen Kleid.

»Also gut«, seufzte die Elfjährige und stieg aus dem Bett, allerdings nicht, ohne sich vorher eine Strickjacke über­zuziehen. Wer weiß, wie lange sie Ausschau halten musste.

Doch das Mädchen war bereits da. Dieses Mal ging sie langsam um die alte Linde herum und sah stetig auf den Boden zwischen den Wurzeln, so als suche sie etwas. Und immer noch umgab sie dieses unirdische Leuchten, das ganz sicher nicht vom Mond kam. Der versteckte sich nämlich gerade hinter einer dicken Wolke.

Emilias erster Impuls war, Nico aus seinem Bett zu zerren. Doch ehe sie ihn dazu gebracht hätte mitzu­kommen, wäre das Mädchen vermutlich längst wieder ver­schwunden. Unschlüssig sah Emilia sich um. Sie brauchte einen Beweis, irgendwas … ihr Blick fiel auf ihr Smartphone. Genau. Ein Foto. Hastig schaltete sie das Gerät ein, öffnete die Kamerafunktion und visierte das Mädchen an. Doch noch ehe sie auslösen konnte, ging das Handy wieder aus. Akku leer.

 

»Mist!«, schimpfte Emilia und kramte auf ihrem Schreib­tisch nach dem Ladekabel, während sie versuchte, das Mädchen draußen im Auge zu behalten. Doch just, als sie etwas Kabelähnliches gefunden hatte, sah sie für einen kurzen Moment auf ihre Hand, um sich zu vergewissern. Und als sie wieder hochblickte, war das Mädchen fort.


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